Kultur : Thomas Ostermeier inszeniert in Hamburg Marius von Mayenburgs neues Stück

Hartmut Krug

Eine neue Zusammenarbeit von Thomas Ostermeier und Marius von Mayenburg. Eine Hamburger Uraufführung mit Berliner Hintergrund. Und natürlich auch gewisse Parallelen zu Mayenburgs "Feuergesicht", das Ostermeier gleichfalls uraufführte. Nun "Parasiten" - auch wieder ein kurzer, schlagender, nichts Freundlichesverheißender Stücktitel.

In der Luft liegt ein Sirren und surrendes Dröhnen, und in den Köpfen der Menschen verbohren sich die Gedanken und Geräusche. Die schwangere Friederike schlägt sich den Kopf blutig, das Blut färbt Kopf und Hemd, Arme und Beine, doch die Gedanken an ihre kaputte Ehe bekommt sie nicht aus dem Hirn: "Du bist der einzige Fehler, ich bin mein Fehler, und der muss weg." Friederike ist psychisch kaputt, ein Pflegefall. Auf ihre ständigen Drohungen, aus dem Fenster zu springen, antwortet ihr genervt-gleichgültiger Mann Petrik nur mehr lakonisch: "Sehr gut, du kannst den Müll gleich mitnehmen, wenn du sowieso runter willst." Statt seiner Frau Verständnis entgegenzubringen, füttert Petrik lieber seine glatte, kalte Schlange mit lebenden Ratten.

In Ringos Kopf verwirren sich die Geräusche vom Autounfall, bei dem er zum Rollstuhl-Krüppel wurde, mit expressiven, religiösen Visionen. Er hört "auf die große Stille, die in der Luft hängt über der Stadt, als ob sie gleich herabstürzen will und alles zerschlagen." Als Behinderter hat er ein Gespür für die kaputte Gesellschaft. Er hat sich in der Wohnung eingebunkert, klammert sich an seine junge Frau Betsi und schaut mit dem Fernglas nur deshalb zuweilen in die Welt hinaus, weil es gut sei, so weit weg zu sein. "Schau auf die Menschen, die schwitzen im Licht, schau auf dieses ahnungslose Schlachtvieh, für das der Tod schon bereitsteht, wie sie wimmeln unter dem erbarmungslosen Himmel..."

In Marius von Mayenburgs neuem Stück suchen fünf Personen ihr Leben, und keine kann allein sein. Parasiten paarweise - die Gesunden brauchen die Kranken genauso, wie diese die Gesunden. Ohne dass sie einander wirklich helfen könnten. Wenn Friederike ihren Mann verlässt und nach einem Zusammenbruch an der Autobahn bei ihrer Schwester Betsi unterkriecht, dann bringt sie dort eine Beziehung durcheinander, die auch mit der krampfhaften Versicherung "wir lassen nichts zwischen uns" kaum zusammenzuhalten war. Mayenburg, Hausautor der Berliner Schaubühne, wo seine "Parasiten" ab Oktober zu sehen sein werden, zeigt symbiotische Beziehungen zwischen Hass und Liebe. Jeder ernährt sich vom Anderen, um zu überleben. Zwei Paare im abhängigen Beziehungsclinch, und zwischen ihnen wandert Multscher, ein alter Mann, als eine Art Todesengel. Multscher hat Ringo zum Krüppel gefahren. Er will gutmachen und helfen, sucht aber als Vereinsamter zugleich ganz selbstsüchtig nach einem Kontakt zu anderen Menschen. Ringo wurde durch ihn beim Autounfall zum lebendigen Toten, und Friederike unternimmt mit seinen Tabletten einen Selbstmordversuch.

Das ist ein ausgeklügeltes Beziehungsstück, in dem alle Menschen im Zustand allgemeiner Kaputtheit und gegenseitiger Abhängigkeit vorgeführt werden. Keine Figur ist deutlich sozial oder psychologisch begründet, alle sind in ihrem Kaputtsein einfach nur gesetzt: ein theatralischer Feldversuch, mit einem behaupteten metaphysischen Bedeutungsuntergrund, der ebenso unbegründet wie massiv ist.

Ein Stück wie ein Abgesang auf alle kleinbürgerlichen Beziehungsdramen. Diese Parasiten sind Vampire auf Gegenseitigkeit. Wobei das gemeinsame wie das vereinzelte Leben, trotz aller verzweifelter Versuche, es sich schön zu reden, immer nur als trauriger Weg zum Tode erscheinen. Mayenburgs Behauptungsgestus existenziellen Tiefsinns lässt "Parasiten" passagenweise wie sauren Kitsch wirken. Daneben aber gibt es auch dichte, poetisch depressive Szenen. Regisseur Thomas Ostermeier stellt die Figuren auf fast leerer Bühne ganz nah an uns heran: ein paar Alltagsrequisiten, Stühle und Sofa, und Darsteller, die sich verschwitzt und verzweifelt, dem Publikum zielgerichtet zu Füßen setzen. Das sind welche von uns. Im kleinen Malersaal des Hamburger Schauspielhauses lässt der Regisseur die Szenen ineinanderfließen. Die spielerische Verzahnung der allzu prätentiösen Miniszenen lässt das Stück reicher wirken, sie zieht ihm scheinbar verschiedene neue Bedeutungsebenen ein. Alle Schauspieler sind ständig auf der Bühne präsent, sie beobachten sich gegenseitig und spielen dabei vor und mit dem Publikum. Auf diese Weise verkörpern die Schauspieler Figuren, die sich gleichzeitig vor- wie verstellen. Was die Schauspieler zeigen, sind aus realistischer Beobachtung geborene Kunstfiguren. Besonders schön gelingt das Karin Pfammatter, die mit hoher Sprechkunst und virtuoser Körpersprache die Verwirrtheit der Friederike ausstellt. Zurückhaltender im Gestus, eher beiläufig und dennoch ebenso eindringlich: Tilo Werner als ihr Mann Petrick. Überzeugend auch Inka Friedrich als Betsi sowie Mark Waschke als Ringo. Und Werner Rehm, Schaubühnendarsteller der allerersten Stein-Zeit, der in der Rolle des alten Multscher in dieser Hamburger Koproduktion mit der Schaubühne gastweise nach Berlin zurückkehren wird, zerknautscht wunderbar Mütze, Gesicht und Figur dieses Todesengels zu einem einzigen theatralen Zeichen Die angespannte innere Kraft von "Feuergesicht", dem ersten großen Erfolg des Hausautors und Dramaturgen der Schaubühne, die fehlt diesen "Parasiten" aber doch.Weitere Informationen unter: www.meinberlin.de/Schauspielhaus

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