• Thomas Ruffs Fotoserie "nudes": Pornographie im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit - In der Galerie Contemporary Fine Arts

Kultur : Thomas Ruffs Fotoserie "nudes": Pornographie im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit - In der Galerie Contemporary Fine Arts

Matthias Mühling

Im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit ist die Pornographie in den neuen medialen Formen heute ständig und überall verfügbar. Was früher verschämt unter dem Ladentisch gehandelt oder im neutralen Umschlag versandt wurde, verbreiten heute Fernsehen und Internet rund um die Uhr. Pornographie ist ubiquitär, sie scheint gesellschaftsfähig geworden zu sein; das Stigma des Vulgären und Unkultivierten hat sie spätestens mit dem Börsengang von Beate Uhse oder den Quotenerfolgen von "Peep" und "liebe sünde" abgelegt. Auch die neuen Arbeiten von Thomas Ruff in der Galerie Contemporary Fine Arts beschäftigen sich mit der anstößigen Gattung. Die Fotoserie "nudes" (Aufl. 5, je 22 000 Mark) zeigt vom Künstler digital bearbeitete Pornobilder, die direkt aus der adults only zone des Internets stammen. Die sogenannten thumbnail-galleries, die jedem Benutzer als Appetithäppchen der kommerziellen Sex-Seiten kostenlos zur Verfügung stehen, sind der Fundus, aus dem Ruff seine Bilder schöpft. Der Prozess der Bildfindung findet nicht mehr im Fotoatelier statt, sondern gestaltet sich als einfaches Herunterladen aus dem World-Wide-Web: Objet-trouvés aus dem Cyberspace.

Sind die Bilder einmal auf der Festplatte, können sie beliebig bearbeitet werden. Das Ausgangsmaterial wurde von Ruff vergrößert, verzerrt und manipuliert. Über die pornographischen Akte zieht sich der Schleier digitaler Filter; Weichzeichner und Bewegungsunschärfe entrücken die Obszönität der Sujets und ästhetisieren sie zu malerischen Oberflächen. Ruff selber betont dabei, dass Kolorit und Kompositionsmuster ihn an Darstellungen von Gustave Courbet und Caravaggio erinnert haben. Tatsächlich lässt gerade die Stellung der Figurengruppen und Körperinszenierungen die Grenzen zwischen Akt- und Pornofotografie verschwimmen. Die lasziv exponierten Körper in den Stellungen aller denkbaren Sexualpraktiken verschwinden hinter dem romantisierenden Erscheinungsbild der elektronischen Komposition, die den für Pornographie typischen unmittelbaren physisch-optischen Reiz herausfiltert. Die abgebildeten Figuren entstammen ausnahmslos der Ikonografie der Fitness-Studios und Slim-Fast-Programme und binden damit die Pornographie an ein idealisiertes Körperbild. Der abgründige, bizarre, aber eben auch "geile" Charakter der Pornographie wird damit völlig ausgeblendet. Was bleibt, sind Bilder, die im Schwebezustand zwischen Malerei und Fotografie wie auch zwischen Akt und Pornographie changieren.

Thomas Ruff wählt repräsentative Konstellationen des pornographischen Genres, Frauen mit Männern, Frauen mit Frauen und Männer mit Männern, aber auch in Posen, die an Marilyn Monroe erinnern. Erstaunlich ist hierbei die Nähe zu Gerhard Richters Foto-Malerei, die in umgekehrter Reihenfolge vom Foto zum Gemälde entstanden ist und die Unschärfe als Stilmittel von der Fotografie auf die Malerei übertrug. Ruff versucht nun in einer Rückübersetzung die Unschärfe als Gestaltungsmittel der elektronischen Nachbearbeitung des Fotos erneut für die Fotografie zu etablieren. Alle Fotoserien, die bisher von Ruff konzipiert wurden - seien es Porträts, Häuser, Sterne oder Nachtbilder - enthalten weniger Aussagen über ihren Bildgegenstand als über die technische Konstitution der Fotografie. So auch die Serie der "nudes". Denn sie haben keinen Autor im traditionellen Sinn mehr und sind auch eigentlich keine Fotografien. Die Bilder bleiben in der Anonymität der globalen Server versunken und lassen sich nicht auf ein Originalnegativ zurückführen. Sie entstehen als Druckvorgang und Effekt einer binär codierten Datenmenge. Der Fotograf kontrolliert die chaotische Bilderflut des Netzes mittels seiner technischen Apparate und setzt seine Auswahl als Produkt der künstlerischen Schöpfung neu zusammen. Gleichzeitig enthält sich Thomas Ruff aber eines bewertenden Kommentars zum pornographischen Sujet seiner Serie. Der voyeuristische Blick auf die Sexualität anderer bleibt ungebrochen. Wer wen beobachtet und warum, bleibt offen.

Thomas Ruff beschreibt mit seiner Serie der "nudes" nicht den Stellenwert von Pornographie im Informationszeitalter. Er zeigt aber, was für Kunst und Leben unwiederbringlich verloren ist: Die Authentizität der Erfahrung und der Wahrnehmung des Körpers. Was an ihre Stelle tritt, sind nur noch Bilder im Dienste einer globalen Verwertbarkeit. Was die Pornoindustrie im Cyberspace verspricht, lösen auch Ruffs Bilder nicht ein: statt synästhetische Sensationen für alle erhält man nur kalte, ästhetisierte Bilder.

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