Thomas Struth im Martin-Gropius-Bau : Monumentale Fotografie

Auf der Suche nach unserer Gegenwart: Thomas Struth fotografiert in den Häfen Südkoreas, den Weltraumlabors der USA oder einem Walzwerk in Duisburg.

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Hinter Glas. Eine Aufnahme von Thomas Struth im Aquarium von Atlanta.
Hinter Glas. Eine Aufnahme von Thomas Struth im Aquarium von Atlanta.Foto: Thomas Struth

Ob sich der Mensch tatsächlich die Erde untertan gemacht hat, ist mehr denn je die Frage. Der offenbar menscheninduzierte Klimawandel führt zu der unangenehmen Erkenntnis, dass Menschenhand zumindest im Zerstörerischen begabt ist. Jedenfalls drückt der Mensch der Erde – seiner Umwelt wie dem ganzen Globus – einen unübersehbaren Stempel auf.

In den Fotografien von Thomas Struth, die jetzt in einer vom Essener Museum Folkwang übernommenen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind, gibt es Natur allenfalls in ihrer Kümmerform, hingegen Menschenhand in überwältigendem Übermaß. Struth, Jahrgang 1954 und einer der renommiertesten Schüler Bernd Bechers an der Düsseldorfer Akademie, verfolgt seit Jahrzehnten mehrere thematische Stränge. Neben den menschenleeren Straßen oder umgekehrt den Menschen im Museum sind dies die technisch überformten Orte unserer Gegenwart.

Struth, dieser beständig reisende Weltbürger, spürt sie überall auf, ob in den Häfen Südkoreas, den Weltraumlabors der USA oder einem Walzwerk in Duisburg. Dort allerdings sieht Struth nicht nur die schmutzige Technik des klassischen Industriezeitalters, sondern entdeckt in den zart, aber dennoch eindrücklich hervorleuchtenden Farbtupfern einzelner Maschinenteile eine Schönheit, die ganz und gar überraschend wirkt, wie eine Hoffnung, dass hinter dem Menschengemachten doch etwas unzerstörbar Gutes bewahrt liege.

Es sind Bilder wie das aus dem Jahr 2010, in dem für Thomas Struth typischen riesigen Museumsformat, die gemahnen, sich als Betrachter nicht vom Sujet überrumpeln zu lassen, sondern die Komposition zu erkennen. Denn obgleich Struth nichts inszeniert und – wichtiger noch – jedwede digitale Bildkorrektur ablehnt, sind seine Bilder keineswegs zufällig. Sie setzen einen Blick voraus, der die Realität physischer Objekte als Elemente eines visuellen Zusammenhangs zu erkennen vermag. So geben etwa die bis an den unteren Bildrand geführten Halteseile einer im Jahr 2007 gesehenen Bohrplattform sowohl Perspektive als auch Größenmaßstab vor.

Mit dem „Aquarium, Atlanta“ von 2013 ist Struth wieder dicht bei den Innenansichten aus Museen, mit denen er weithin bekannt wurde: Auch hier stehen Menschen in unterschiedlicher Aufmerksamkeit vor einer flach wie ein Bild erscheinenden, hinteren Ebene einer anderen Art von Objekten.

Erstaunlich, wie scheinbar ungeordnet, ja chaotisch die Welt der Hochtechnologie, der Forschungseinrichtungen aussieht. Da kräuseln sich Kabel, stapeln sich Messgeräte, ist alles eng und übervoll. Ein einziges Mal kommt es doch zum visuellen Zusammenprall von Mensch und Maschine: im Operationssaal der Charité, auf dem eine Frau eine komplizierte Operation erwartet, kaum noch zu erkennen unter dem Gewirr lebensrettender Schläuche und Kabel. Das Bild ist ein Schock.

„Nature & Politics“ lautet der Titel der Zusammenstellung von drei Dutzend Großformaten (deren größtes nicht einmal ins Obergeschoss des Gropius-Baus passt und im Treppenhaus Platz nehmen muss). Das kann man natürlich so sagen, Politik und Natur, sie befinden sich im Konflikt, und den macht der Fotograf fallweise sichtbar. Die Interpretation bleibt jedem Besucher überlassen.

Eine Schlusspointe ist es, dass auf der Rückseite der letzten Stellwand ein Bild hängt, das keine Technik zeigt: Es heißt „Seestück“ wie ein (fotorealistisches) Gemälde von Gerhard Richter, bei dem Struth vor der Hinwendung zur Fotografie studiert hat, und es verschafft dem von allzu viel Technikkälte bedrückten Besucher ein kurzes Aufatmen.

Nebenbei sei bemerkt, dass Thomas Struth die Möglichkeiten der analogen Fotografie mit der Großformatkamera meisterlich auslotet. Das ist allein an Abbildungsschärfe oder Lichtführung zu erkennen, ist ein Vergnügen. Die Bilder sind monumental in jeder Hinsicht. Nur bleibt auch noch die Frage: Für was bilden sie das Monument? 

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 18. September; Mi bis Mo 10 – 19 Uhr. Katalog 28 €.

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