Thomas Struth in der Galerie Hetzler : Eine Form von Wahnsinn

Politik und Natur: Der Fotograf Thomas Struth zeigt in der Galerie Hetzler eine neue Serie von Industriebildern

von

Wie ein gefesselter Bär auf einer Kirmes um die Jahrhundertwende, ein öffentlicher Gefangener, der an seinen Ketten zerrt, erscheint das vertäute Ungetüm in der Schiffswerft der südkoreanischen Insel Geoje. Es ist eine Plattform, wie sie auf hoher See zur Förderung von Erdöl eingesetzt wird. Noch ist sie nicht losgelassen, noch dient sie nicht zur Befriedigung unseres unersättlichen Rohstoffbedarfs und kann Katastrophen auslösen. Die 2,70 mal 3,40 Meter große Fotografie dieses Altars der Ölgewinnung besitzt alle Voraussetzungen für ein Drama: die zartgrün angedeutete Natur im Hintergrund in Form einer sanften Hügellandschaft, im Vordergrund das rot bemalte Ponton-Monster.

Thomas Struth dokumentiert jedoch nur scheinbar. In Wirklichkeit erzählt er die Geschichte unseres Egoismus, einer maßlosen Gier nach Glück. Der Plasmafusionsreaktor des Max-Planck-Instituts in Garching mit seinen glänzenden Schutzplatten, der sich auf eine Temperatur von hundert Millionen Grad aufheizen kann, erscheint bei ihm wie das goldene Kalb.

Dass sein Bild von der Ölplattform tatsächlich ein folgenschweres Verhängnis markierte, konnte der Düsseldorfer Fotograf nicht ahnen, als er sein Bild Anfang Mai in der New Yorker Galerie von Marian Goodman präsentierte. Nur wenige Tage zuvor war genau solch eine Bohrinsel im Golf von Mexiko explodiert. Nun hängt das Struth-Werk in der Galerie Hetzler in einer Fabriketage der ehemaligen Osramwerke. Das fotografierte Technikwunder passt in diese Umgebung, in der ein Industrieareal durch die Kunst geläutert wird. Heute, Monate nach dem Unglück vor der Küste Mittelamerikas, ist die ins Meer sprudelnde Pipeline wieder dicht. Die Beklommenheit aber bleibt, wenn man den schwimmenden Giganten in seiner ganzen Erhabenheit sieht.

Genau diese Spannung will Struth erreichen. „Chronist der Gegenwart“ wird er genannt, Thema um Thema arbeitet er unsere Lebenswirklichkeit ab. Bekannt wurde der Becher-Schüler für seine Straßenfotografien, mit denen er „die Seele der Städte“ erforschte, wie er es nennt. Als Nachkriegskind fragte er sich, wie kommt Urbanität zustande und suchte nach Antworten mit der Kamera. Es folgten die monumentalen Museumsaufnahmen, zuletzt aus dem Prado, dann die Familienporträts und schließlich die Dschungelbilder. Drei Jahre lang hat er im Verborgenen an seinem neuesten Komplex gearbeitet, dem Konfliktfeld Natur und Politik. Für Struth bedeutet dies ein Sprung in die Gegenwart.

Nach dem Auftakt bei Marian Goodman und der Präsentation eines Teils der Serie zuletzt in seiner Zürcher Retrospektive, zeigt Max Hetzler nun mit 15 Werken eine eigene museale Schau: Blicke in den Kernreaktor des Atomkraftwerks Würgassen, die Pillenverpackungsanlage eines pharmazeutischen Unternehmens in Buenos Aires, Ansichten eines Space-Shuttle-Hangars in Cape Canaveral, Chemielabors der Universität Edinburgh und schließlich die gigantomanischen Werften und Wohnblöcke im modernen Südkorea. Jedes Mal entdeckte Struth darin „eine Form von Wahnsinn“.

Fast alle Bilder sind menschenleer. Der Betrachter würde ansonsten die Verantwortung, die schwelende Problematik einer solchen Anlage sofort an die Figuren im Bild delegieren, die Forscher und Wissenschaftler. „Die Geschichte einer Kriminalgeschichte ist nur so lange spannend, bis der Mörder gefasst ist“, erklärt der 56-Jährige seine Strategie. Er will mit Tatorten konfrontieren. Dahinter versteckt jedoch kein cleverer Suspense-Effekt, sondern ein ernsthaftes, politisches Anliegen. Struth will aufrütteln, auf die Gefahren dieser monströsen Technik-Maschinerien verweisen, die in ihrer Verwegenheit an das Labor des Dr. Mabuse erinnern. „Mir hört man zu, weil meine Arbeit bekannt ist“, glaubt er. Den Stammwähler der Grünen ärgert es, dass in Deutschland bildende Künstler in gesellschaftlichen Fragen weit weniger ernst genommen werden als etwa Literaten und Theaterleute.

Mag sein, dass dies an der Schönheit seiner Bilder liegt. Seine Aufnahmen präsentieren sich als vollendete Kompositionen, farblich fein austariert. Die Kabellage im Stellarator Wendelstein beim Max-Planck-Institut Greifswald wirkt auf den ersten Blick wie das Gemälde eines abstrakten Expressionisten, das grünliche Wasser des Wellentanks der Universität Edinburgh wie das Werk eines Colorfield-Künstlers. Darin verrät sich der einstige Maler und Gerhard-Richter-Schüler, der erst später an der Düsseldorfer Akademie in die Fotoklasse von Bernd Becher wechselte. Aber auch der hohe ästhetische Reiz ist gezielt eingesetzt; Struth will zu längerem Betrachten und Nachdenken verführen.

Wie bedrückend seine Bilder sind, wird beim Chemielabor der Universität Edinburgh spürbar: Bunte Luftballons sind zu sehen, auf das runtergezogene Schutzglas vor den gläsernen Kolben hat jemand eine Nachricht gekritzelt. Doch von wegen Party, Späße unter Kollegen. Die Ballons sind gefüllt mit gefährlichen Gasen, auf der Scheibe stehen chemische Formeln. Von den Demiurgen fehlt wieder jede Spur (50 000 - 275 000 Euro).

Galerie Hetzler, Oudenarder Str. 16-20, bis 27. 11.; Di-Sa 11-18 Uhr. Heute bis 21 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar