Kultur : Thomas Struth: Sieben Bilder sollst Du sehen!

Knut Ebeling

"Vor anderthalb Jahren hatte ich die Gelegenheit, die Grenze zwischen Kalifornien und Nevada entlangzureisen und mir selbst einige Eindrücke von der amerikanischen Landschaft zu verschaffen, von der ich, wie viele andere Europäer, schon viel gehört und in Filmen und Fotografien gesehen hatte." So prosaisch beginnt der Grundtext des deutschen Bildungsromans, in diesem Fall der Begleittext, den der Fotograf Thomas Struth zu seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Hetzler verfasste. Eine Reise unternimmt man, um zu überprüfen, wovon man vorher nur gehört und gelesen hatte; Orte will man sehen, die einem bisher nur im Traum erschienen sind.

So antagonistisch das Setting von Thomas Struths Einzelausstellung bei Hetzler sich auch ausnimmt, so unbezweifelbar ist es: Die seelenvolle Tradition des deutschen Bildungsromans hat sich auch von den Wirren der Globalisierung nichts anhaben lassen. Von Deutschland aus in die Welt - lebten die Heroen der Becher-Schule auch in der kulturellen Provinz der alten Bundesrepublik, sie ließen es sich nicht nehmen, im Gegenzug die Welt aus ihrem Blickwinkel ins Maß ihrer ewigkeitssuchenden Fotokunst zu nehmen.

Hütte zeigt in seiner jüngsten Ausstellung eine Folge von sieben Bildern (zwischen 70 000 und 90 000 Mark), die auf jener Reise in die USA 1999 entstanden sind. Thematisch beschäftigen sie sich mit Landschaft und Architektur, Wäldern und urbanen Dschungeln. Während einige Arbeiten, wie die Paradies-Bilder, bereits gezeigt worden sind, ist die Serie bei Hetzler erstmals komplett zu bewundern. Und bewundern muss man sie: Wie die Bilder von Kirchen und Museen, bei denen Struth das große Format 1989/90 erstmals verwendete, bilden die wandgroßen Fotoflächen Andachtsräume einer Leere, die nichts mehr auszufüllen vermag. Technisch bewerkstelligt Struth diese Leergeräumtheit durch einen klassischen Bildaufbau: Die starken Kontraste werden durch einen stets schattigen Vordergrund und einen sonnenüberstrahlten Mittelgrund produziert. Der Bergrücken im Hintergrund ist so dunstig-blau wie der Ausblick aus einem Kirchenfenster bei Raffael. Nur in der Bildmitte gibt es Zivilisation, die Struth mit scheinbar außerirdischem Blick betrachtet. Ansonsten ist es menschenleer. Es gibt nur Bildgrenzen und Entgrenzung, Dichte und Weite, Nähe und seelenvolle Ferne.

Die fotografische Erschaffung der Welt

Ein Blick zurück in Struths Katalogtext mag weiterhelfen. Am Ende seines Textes offenbart er seine Intention: In den sieben Bildern erzählt er nicht weniger als den Prozess der Zivilisation. Was sich beim ersten Sehen wie das ungeordnete Nebeneinander von Stadt und Land - besiedelt und unbesiedelt - ausnimmt, ist in Wirklichkeit die Erschaffung einer Welt in sieben Bildern, eine Genealogie des Weltlaufs: "Die sieben Bilder erscheinen mir (...) wie sieben Stufen auf dem Weg zu einer Besiedlung: Vorahnung eines Eingriffs, Ankunft und erste Erkundung (...) sich niederlassen, Städte gründen, die Erinnerung an die eigene Kultur verlieren und sie nur noch als Zitat vorblenden."

Plötzlich sind uns die Schleier von den Augen genommen, und die zerzauste Bilderreihe erstrahlt voll Sinn und Zweck: Richtig, die leeren Landschaften warten auf ihre Besiedlung, doch, die Seeräuberkulisse in Las Vegas symbolisiert den Verlust jedes kulturellen Gedächtnisses. Struth verführt durch die Schönheit seiner Bildwelten; jubelt dem Betrachter aber im Gegenzug eine metaphysische Konstruktion dieser Welt unter. Als wäre er Hegel und hätte gerade das Geheimnis der Geschichte geschaut, leuchten seine Bilder plötzlich voll historischer Zielstrebigkeit - und wir leuchten mit. Vor diesem Wunder wird Struth zum Heiligen und vergisst, dass er es war, der die Bilder gemacht hat, und dass er es war, der sie so anordnete - und nicht der Schöpfer. Doch Struth macht auf seiner Reise keine zufälligen touristischen Schnappschüsse; dem stufenweise zur Erkenntnis gelangenden Bildungsbürger erschließen sich die Gesetze der Welt. Wie die Helden des Bildungsromans reist Struth nicht, um zu entdecken, sondern er entdeckt, um zu erkennen.

Und seine Reise geht noch weiter. Die Sehnsucht nach titanischen Themen lässt ihn nicht ruhen. Seine "zeitübergreifenden Assoziationen" flüstern ihm die ehernen Gesetze der Welt ins Ohr. Denn nicht der Mensch ist es, der die Geschichte macht - es ist die Natur, die Erde selbst, die den Weltenlauf hervorbringt. Es seien die "geologischen Bedingtheiten", die die Menschen prägen würden, schreibt Struth. Die Menschen, das sind für Struth die Pflanzen, die auf der Mutter Erde gedeihen oder auch nicht - die herausgerissen werden und ihre Umtopfung überstehen oder auch nicht. Doch wer soll die "unerledigten Taten" vollbringen, von denen Thomas Struth weiter schwadroniert, dass die Fotografie an sie erinnere?

Die Landschaft ist für Struth das Gedächtnis der Taten, die auf sie warten. Was wie eine künstlerische Dekonstruktion von historischen Erzählstrukturen beginnt, endet im Kniefall vor den Gesetzmäßigkeiten des Historischen. Und was - wie die Becher-Schule einst - als fotografisches Experiment ansetzte, schließt in der parareligiösen Entbergung eines Erhabenen, das keinen Namen kennt. Eine Diskursanalyse der Becher-Schule, die die Frage beantwortet, welches Optisch-Unbewusste es ist, das sich in pathetischem Format zu sehen gibt - steht noch aus. Bei Thomas Schüttes Ausstellung könnte sie ansetzen.

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