Kultur : Thomas Wild: Der Galerist ist Experte für exotische Teppiche aus aller Welt

Ronald Berg

Schon beim Eintreten in den kleinen Laden an der Gipsstraße umfängt den Besucher der Duft der großen weiten Welt. Nicht die Perserteppiche oder die Kelims riechen, wohl aber die frisch eingetroffenen marokkanischen Teppiche verbreiten den Geruch des Orients. Es handelt sich um dicke, hochflorige Berberteppiche, intensiv rot und orange leuchtend, in der Farbigkeit fast wie ein Rothko. Daneben stapeln sich eine Menge ungefärbte, also cremefarbene Stücke. Vor allem junge Leute kaufen so etwas wieder, meint der Galerist.

Thomas Wild, 1964 in Reutlingen geboren, betreibt seine Galerie für Teppich- und Textilkunst seit 1998. Galerie, das heißt, zweimal im Jahr gibt es thematische Ausstellungen - etwa zu marokkanischen Stammesteppichen, bei denen zur Vernissage eingeladen wird. Wild handelt im übrigen nur mit Teppichen, die mindestens 50 Jahre alt sind, mit Sammlerstücken also, Unikaten, bei denen die Wolle mit dem Alter einen besonderen Glanz bekommen hat. Marokkaner aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und türkische Kelims aus dem 19. Jahrhundert gibt es bei Wild für 3000 bis 6000 Mark. Eine Kameldecke mit langen Troddeln bekommt man schon für 1800. Wilds preiswerteste Stücke liegen bei 1000 Mark, Knüpfteppiche aus Ningxia in Nordwestchina kosten allerdings stolze 18 000 Mark.

Wilds kunsthistorisch vielleicht interessantester Teppich ist ein Uschak-Fragment aus der Blüte des osmanischen Reiches, entstanden um 1600. Für so etwas gibt es keinen Markt, das sind Museumsstücke. Irgendwann mag dieser Teppich, an dem mehrere Knüpfer monatelang gearbeitet haben, in einer Moschee oder in einem Palast gelegen haben, bis er abgewetzt war und ausrangiert wurde. Wild bekam ihn vor drei Jahren von einem türkischen Händler in Berlin. "Jetzt ist es meine Aufgabe, den Besuchern und Kunden zu erklären, warum das feine Stück eine so außerordentliche Qualität hat, damit sie verstehen, weshalb es so teuer ist", erklärt Wild seine Arbeit. Das Fragment kostet immerhin 9500 Mark.

Bei seinem Engagement für den Teppich rekurriert Wild auf ein großes Vorbild: Wilhelm von Bode. Bode war es, der gemäß seiner Idee von der Verbindung von Kunst und Kunsthandwerk, die Berliner Teppichsammmlung in den Staatlichen Museen aufgebaut hat. Bis heute zählt sie nach Wilds Einschätzung, trotz der großen Verluste im letzten Krieg, zu einer der drei wichtigsten der Welt.

Teppiche - das zeigen auch die jüngsten Auktionsergebnisse - gewinnen wieder an Prestige. Nicht nur die Preise mit in der Spitze über 100 000 Mark für manchen großformatigen Perser zeigen an, dass Teppiche durchaus in den Rang eines Kunstwerks aufsteigen können. Auch Wild selbst konnte vom Trend zum Teppich als Wertobjekt schon profitieren: Zum Beispiel auf der Londoner HALI Antique Carpet und Textile Art Fair im Frühjahr: "Ich galt als Entdeckung", meint Wild. Inzwischen kämen die Händler schon eingeflogen, wenn sie hörten, dass Wild frische Ware aus Tibet mitgebracht hat. Denn die Teppiche vom Dach der Welt sind - neben den Marokkanern - Wilds eigentliche Spezialität. 1987, kurz nach der Öffnung des Landes, war Wild das erste Mal in Tibet. Heute existiert eine Art von Netzwerk, zu dem neben Wild und den einheimischen Verkäufern nur noch eine handvoll Einkäufer aus dem Westen kommen. Kaum sei er in Lhasa gelandet, fange der Handel schon an, erzählt Wild. Bis zum Abend werde gekauft, zum Teil aus Höflichkeit, damit seine Gewährsleute ihn weiter versorgen. Denn die Quellen versiegen langsam. Tibet hat nie Teppiche für den Export produziert. Lediglich 30 Stück hat Wild von der letzten Reise mitgebracht, eine Menge, die er früher an einem Tag bekommen konnte. Die Knappheit verteuert natürlich die Preise, zumal etliche Hollywood-Prominente sich als bekennende Buddhisten gerne mit tibetischen Teppichen eindecken.

Auf vielen dieser Teppiche finden sich traditionell drei ornamental oder floral stilisierte Medaillons, von denen das mittlere für den Buddha und die beiden äußeren für einen Jünger oder einen der vielen Lokalheiligen aus dem überschwänglich-prunkvollen Mahayana-Buddhismus steht. Solche Stücke wurden als Schlaf- oder Sitzteppiche benutzt. Für 8000 Mark bietet Wild jene mitunter recht langen, orange-farbigen und flauschigen Teppiche mit karoartig stilisiertem Quellmuster an, auf denen einst mehrere Mönche nebeneinander zur Meditation verweilten. Eine in unseren Augen gewöhnungsbedürftige Skurrilität ist jener Teppich aus Yak-Wolle, auf dem statt der Medaillons zwei große gelbe Swastikas prangen, das alte, in Tibet gebräuchliche Symbol für Beständigkeit und Ausdauer.

Wild, der mittlerweile recht gut die tibetische Sprache beherrscht, gerät durch seine Kenntnisse und Teppichforschungen immer mehr in die Rolle eines Experten, der in Fachzeitschriften publiziert und von Tibetologen zu Vorträgen eingeladen wird. Doch sind das nur Begleiterscheinungen für einen Mann, der mit sichtlicher Begeisterung sagt: "Ich liebe es, Teppichhändler zu sein."

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