• Thomas Wohlfahrt: Der Projektleiter des Literaturexpress über die Notwendigkeit, ein Autoren- und Verlegernetzwerk aufzubauen

Kultur : Thomas Wohlfahrt: Der Projektleiter des Literaturexpress über die Notwendigkeit, ein Autoren- und Verlegernetzwerk aufzubauen

Lässt das Programm des Literaturexpress[mit]

Thomas Wohlfahrt leitet auch die Berliner Literaturwerkstatt am Majakowskiring.





Lässt das Programm des Literaturexpress, mit dem gerade über europäische 100 Schriftsteller unterwegs sind, den Beteiligten eigentlich Zeit, sich die Spiele der Fußball-EM anzuschauen?

Fußball ist ein ganz wichtiges Thema. Es wird auch leidenschaftlich gewettet. Und die Autoren, die nicht im Einsatz sind, schauen sich die Spiele an.

Und was ist mit den Diskussionen über europäische Literatur und Identität? Treten die hinter das Bedürfnis nach Spaß zurück?

Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen. In den Veranstaltungen geht es natürlich um ästhetische und politische Themen. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass die Frage nach Grenzen und ihren Verschiebungen typisch europäisch ist. Aber auch außerhalb der Veranstaltungen kommen die Schriftsteller schnell miteinander ins Gespräch.

Was ist der konkrete Nutzen der Reise für die Schriftsteller und die Literatur? Ist der Literaturexpress mehr als eine PR-Show?

Die Literaturvermittlung muss sich der veränderten Mediensituation anpassen, die Events und Einmaliges verlangt. Um die Öffentlichkeit für etwas zu interessieren, braucht es solche symbolischen Aktionen. Aber wir verfolgen auch konkrete Ziele: Da ist zum einen der "Text zu Europa", den jeder Autor nach Abschluss der Reise schreibt, weil die gleichen Dinge, einmal von Island und einmal von Albanien aus betrachtet, natürlich ganz anders aussehen. Zum anderen baut der Literaturexpress ein europaweites Autoren-Netzwerk auf. Es werden fleißig Bücher getauscht. Viele werden sich in Zukunft gegenseitig Kopien ihrer Texte schicken, die der eine dann zu seinem Verleger trägt und der andere zu dem seinen. Hier finden auch täglich Gespräche zwischen Autoren und Verlegern statt. Durch die Vorbereitung ist in den 43 Ländern außerdem ein Netz von Institutionen entstanden, das auch nach dem Ende der Reise weiter arbeiten und den Austausch gerechter gestalten will.

Was heißt "gerechter"?

Wir haben es mit einer entsetzlichen Schieflage zu tun. Was in Westeuropa erscheint, ist für die Verleger gut und wichtig, doch sie schauen nicht, was in anderen Literaturlandschaften wichtig ist und als ästhetisch weiterführend gilt.

Kommen auch die Albaner und Serben miteinander ins Gespräch?

Gerade diese Nationalitäten. Praktisch der gesamte Balkan fährt hier mit. Natürlich gibt es auch Streitgespräche - etwa in Madrid mit Autoren aus der ehemaligen Sowjetunion. Aber hinterher sitzen die Leute an einem Tisch und lachen zusammen.

103 Schriftsteller sechs Wochen lang in einem Zug zusammenzuspannen, ist auch ein soziales Wagnis.

Wir sind uns bewusst, dass wir ein großes Orchester mit lauter Solisten sind. Ich bin nicht sehr glücklich mit dem "Big Brother"-Vergleich, den die FAZ angestellt hat. Was hier entsteht, ist eher eine Art soziale Plastik. Jeder Autor ist nur etwa an jeder dritten Haltestation an Veranstaltungen beteiligt und hat dazwischen Zeit, sich auch von der Gruppe zu distanzieren.

Hätte man das Geld, das der Literaturexpress verfährt, nicht direkt in Übersetzungsprojekte investieren können?

Dafür hätte es kein Geld gegeben. Außerdem fördern wir ganz konkret Übersetzungen. Vor der Reise hat jeder Autor einen Text eingereicht, der aus allen Sprachen in weitestgehend alle übersetzt wurde. Und mit dem Text, den jeder Autor nach der Reise schreibt, wird auch so verfahren werden. Aber wenn man eine Übersetzung hat, hat man noch keine Distribution. Seit Jahren kann man eine Ablösung des Poetischen vom Buch erleben. Im Bereich der Lyrik ist sie schon weit fortgeschritten: Es wird kaum noch ein Lyrikband veröffentlicht, während Lyriklesungen immer besser besucht sind.

Haben die Jurys bei der Auswahl der Autoren darauf geachtet, dass auch wirklich innovative Geister mitfahren?

In Deutschland bestand die Jury aus Hans Magnus Enzensberger, Joachim Sartorius, Jean-Baptiste Joly und mir. Die Vorgaben waren, dass die Autoren wichtig für die eigene Sprachlandschaft sind und möglichst nach 1950 geboren sind, um eine Nachkriegssozialisation zu haben und um Stimmen zu versammeln, die auch in Zukunft aktiv bleiben. Außerdem sollten die Texte in mindestens eine Sprache übersetzt sein.

Wird der Literaturexpress nach seinem Ende kulturpolitische Veränderungen anstoßen?

In Berlin wäre eine gute Gelegenheit, einen Forderungskatalog vorzustellen, weil bei unseren Abschlussveranstaltungen Vertreter europäischer Kulturpolitik anwesend sind. Europaweit müssen neue Übersetzer-Programme aufgebaut werden, zumal das bestehende Ariadne-Programm gerade auf der Streichungsliste steht.

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