Kultur : Thorsten Streichardt: Der Steinmetz und sein Wald in progress

Gyde Cold

Zwischen Checkpoint Charlie und der Fischerinsel wächst nicht nur ein schniekes Büroviertel in die Höhe, sondern auch ein Wald. In einem der vielen leerstehenden Büroläden in der Charlottenstraße 18 wuchert ein Gebilde aus Büromöbeln wild in alle Richtungen und verändert täglich seine Erscheinung. Bis unter die Decke türmen sich mit Holzlaminat beschichtete Spanholzmöbel, die früher Amtsstuben so gemütlich machten. Sie werden dekonstruiert und in neue Konstruktionen verwandelt. Angepflanzt hat den Wald in progress Thorsten Streichardt, der ihn mit Hammer und Meißel hegt und pflegt. Halb Büroangestellter, halb Handwerker arbeitet der ausgebildete Steinmetz in einem feinen Anzug. Seit zwei Monaten werkelt er an Tischen, Schränken und Schubladenelementen und bearbeitet sie wie Stein. Wunderschöne Muster schnitzt er in die Oberflächen: Palmett-Kapitelle wachsen, Strukturen kreisen, die an die Pointillisten oder die Sonnen van Goghs erinnern. Große Nagetiere fressen Ecken ins Holz, Blätter ranken, Vögel hinterlassen Abdrücke im braunen Laminat. Es eröffnet sich ein Kosmos an Assoziationen, der einem Rundgang durch die Kunstgeschichte gleicht. Das gesamte Ensemble gereicht dem "Merzbau" von Kurt Schwitters zur Ehre. In einer Ecke brodelt und dampft ein Knäuel aus Kaffeemaschinen. In dauernder Selbstbefruchtung faucht das Wasser von einem Durchlauf in den nächsten, es zirkuliert, bis es verdampft ist. Genauso verschwindet der Wald am 27. Oktober; bis dahin lädt er werktags von 9 bis 17 Uhr zu einem Spaziergang ein.

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