Kultur : Thron der Angst

Körbe über Körbe: Wer wird Chef der Berliner Opernstiftung?

Christine Lemke-Matwey

Seit 1. Januar ist sie in Kraft, die „Stiftung Oper in Berlin“. Und spätestens seit 2. Januar wird allüberall in der Stadt mit den Fingern getrommelt. Wo bleibt er (oder sie?) denn nun, der ersehnte Messias, die gebenedeite Heilskönigin, die Frau respektive der Herr Generaldirektor, der/die alles richten wird, und zwar nach innen wie nach außen? Wann endlich hat die Opernstiftung (also der zwangsweise Zusammenschluss der künstlerischen Ensembles der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper und der Komischen Oper nebst deren Service- und Verwaltungsbetrieben) nicht nur einen Zweck, eine Struktur, ein Vermögen, einen Vorstand und einen Rat, sondern auch ein Gesicht? Und zwar, bitteschön, eines mit Profil, mit Charakter, ein unverwechselbares, international Respekt gebietendes!

Berlins Kultursenator Thomas Flierl hat sich von dieser Nervosität nicht anstecken lassen. Jetzt allerdings beginnt auch er mit den Füßen zu scharren. In der Sache ist das schade. Morgen tritt unter dem Vorsitz des Bayerischen Staatsintendanten Peter Jonas der Stiftungsrat zusammen, um einen der wenigen verbliebenen Kandidaten auf Herz und Nieren zu prüfen. Dass es sich dabei um den amtierenden Direktor des Basler Theaters handelt, um den 1960 in Eisenach geborenen, promovierten Quantenmechaniker und Romanautor Michael Schindhelm, ist kein Geheimnis. Und Schindhelms Chancen stehen gar nicht so schlecht: Er ist jung genug, um sich die Opernstiftung als Anliegen seiner Generation ernsthaft zu Herzen zu nehmen, er gilt als brennend ehrgeizig, verfügt über intellektuelle wie künstlerische Kapazitäten, und er hat in der Schweiz mit allerlei gewerkschaftsfernen Organisationsformen gute Erfahrungen gemacht. Man bedenke: Es ist stiftungsseits in den nächsten Jahren ein gewaltiges Sparpotenzial zu erwirtschaften, die Orchestertarifverträge harren ihrer Überarbeitung, etc. Hier muss einer nicht nur gut rechnen können, sondern vor allem vermitteln, wofür er rechnet. Denn die Statistiken müssen den Inhalten folgen, das Geld dem Geist, nicht umgekehrt. Ob Schindhelm allerdings uneitel und souverän genug ist, um sich mit dem, was die drei Opernhäuser schließlich lassen (müssen) oder tun, persönlich zu identifizieren, wäre noch herauszufinden.

Lang war die Liste der wünschenswerten Kandidatinnen und Kandidaten – und entsprechend lang gestaltet sich die ihrer Absagen. Einerseits ist das Amt offenbar viel zu attraktiv (und auch zu gut dotiert), um heute wahr zu sein; andererseits muss es in seinem auratischen wie praktischen Zuschnitt erst noch erfunden und (prall!) mit Leben, mit Persönlichkeit gefüllt werden; und drittens findet sich der betreffende Schreibtisch nun einmal in Berlin, an einem Kulturstandort, der in letzter Zeit nicht gerade durch überschäumenden Mut, blühende Fantasie und atemberaubende Visionen von sich hat reden machen. Wer die letzten beiden Punkte scheut, so könnte man sagen, wer weder gestaltend in die eigene Zukunft denken mag noch die Chancen Berlins und vor allem die eines solchen Stiftungsmodells für die deutsche Theaterlandschaft sieht, der ist hier ohnehin fehl am Platz.

Thomas Flierl war fleißig auf Reisen in den vergangenen zehn Monaten, und er hat sie alle befragt, die einschlägigen Verdächtigen: von Gérard Mortier bis Hugues Gall, von Pamela Rosenberg bis Klaus Zehelein, von Peter Ruzicka über Stefan Märki bis zu Ion Holender. Das Ergebnis: Körbe über Körbe. Die Herren sehen sich anderweitig versorgt, und die Dame will zwar von der amerikanischen Westküste zurück nach Europa, dann aber doch lieber selber Kunst machen.

Natürlich ist das für den Kultursenator ungünstig. Georg Vierthaler, dem Verwaltungsdirektor der Staatsoper, der die Sache kommissarisch in die Hand gedrückt bekam, ist man offenbar nicht süß genug um den Bart gestrichen, als dass er weiterhin interimistisch zur Verfügung stünde. Wenn Schindhelms Schaulaufen also kein verlässliches Meinungsbild ergibt, und die Restkandidaten ihm – wie zu befürchten ist – ohnehin das Wasser nicht reichen können, dann steht das zarte Pflänzchen Opernstiftung auch an seinem ersten Geburtstag ohne Köpfchen da. Frage: Wäre das so schlimm? Kann, wer zehn Monate gewartet hat, nicht auch noch ein kleines bisschen länger Geduld haben? Die Chancen jedenfalls, auf einen neuen August Everding zu treffen, auf jenen Mr. Opernstiftung also, der vor Leidenschaft birst und dem alle alles glauben, sie können nur steigen – mal ganz abgesehen davon, dass dieser Job der Zukunft in den Händen einer Frau sowieso besser aufgehoben wäre.

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