Thurston Moore : "Trees Outside The Academy“

Thurston Moore von Sonic Youth beweist mit seinem Soloalbum "Trees Outside The Academy“, dass er einer der größten lebenden Undergroundkünstler ist und bleibt.

Gerrit Bartels

Ein schlichter Vorname steht oben rechts auf dem Cover und weist auf den künstlerischen Leiter dieses Albums hin: Thurston. Nicht Thurston Moore, nicht Thurston Moore featuring Steve Shelley, J. Mascis oder sonst wen, und einen Hinweis auf Moores Hauptband Sonic Youth gibt es schon gar nicht. Einfach nur Thurston, und das natürlich mit Bedacht: Thurston Moore hat mit seinem ersten Soloalbum seit „Psychic Hearts“ von 1995 eine Art Entwicklungsroman vorgelegt, gemäß der Devise: Wie ich wurde, was ich bin. Nämlich einer der größten lebenden Undergroundmusiker in der umwerfendsten und größten existierenden Undergroundband dieser Tage.

"Trees Outside The Academy“, so der Titel des Albums, ist sozusagen das Porträt des Undergroundkünstlers als junger Mann. „What you have heard is me wasting time again, asking myself deep inside, why the fuck I am doing this?“ erklärt Moore im letzten Stück, einer kleinen Sprech- und Geräuschperformance, die der 13-jährige Thurston seinerzeit bei sich zu Hause auf Tape aufgenommen hatte. Der heute 49 Jahre alte Moore hat dieses Tape auf dem Dachboden seiner Mutter wiedergefunden und beschließt damit unter dem Titel "Thurston @ 13“ ein Album, das er unter anderem mit Bandkumpel Steve Shelley, mit J. Mascis von Dinosaur jr. und mit Christina Carter von den Charalambides eingespielt hat.

Die musikalische Betonung liegt auf dem Song

Flankiert von Fotos, die den jungen Thurston etwa mit dem Cover des Patti-Smith-Albums "Horses“ zeigen, wie er vor einem sehr leeren Kühlschrank hockt, oder von einem Brief, in dem er die CBGB’s-Musikszene des Jahres 1976 erklärt, erzählt Moore seine Geschichte: von den "Frozen GTR“, die Klein-Thurston faszinieren bis hin zu eben jenen "Trees Outside The Academy“, die dem New Yorker Kunststudenten Schatten und Trost spenden. Bald danach hatte er genug in sich hineingehört und wusste, was zu tun war: Sonic Youth gründen.

Die musikalische Betonung von Moores Geschichte liegt dabei auf dem Song – Sonic-Youth-typische Dissonanzen sind sparsam dosiert und dienen in Form von lärmigen Intros oder unvermittelten Brüchen mittendrin einzig der Dramaturgie der Songs. Moore spielt durchgängig eine akustische Gitarre, probiert sich an Strophe und Refrain und zeigt, was für Songwriterqualitäten in ihm schlummern. Großes Kino, Song für Song, großer Indie-Underground-Rock: mit einen hinreißendem Duett zwischen Moore und Carter in "Honest James“, mit knackigen Dreiminütern und mit wunderschön langen melodiösen Instrumentalpassagen, deren Höhepunkt das reine Instrumentalstück "Off Work“ darstellt. „Off Work“ kann man als US-Variante von Tocotronics tollem Verweigerungssong "Sag alles ab“ verstehen, ist aber weniger ruppig, viel getragener, fast traurig.

Überhaupt die Atmo dieses Albums: typische 80er-Jahre-Melancholie. Die kennt man auch von Sonic Youth nur zu gut, sie lässt sich aber nun viel besser erschließen. Es war alles gar nicht so leicht damals, trotz der ganzen Punk-Aufregung in New York City. Denn der Kater danach kam schneller als gedacht – New Wave! Synthies! –, und den versuchten Moore und Sonic Youth Anfang, Mitte der achtziger Jahre mit ihrem Noise- und Konzept-Punk zu bekämpfen. „Trees Outside The Academy“ dagegen beweist nun viele, viele Jahre später schlicht und einfach, wie unspießig Indierock sein kann.

Thurston: Trees Outside The Academy (Ecstatic Peace)

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