Kultur : Tibet tanzt

Wo Mönche kreisen: Amanda Miller in Berlin

Sandra Luzina

Das Sand-Mandala ist schon spurlos verschwunden, als die Tänzer auf die Bühne des Berliner Dock 11 flattern. Tibetische Mönche haben es in viertägiger Arbeitsmeditation gefertigt. Das Mandala soll Weltfrieden, Harmonie und Glück für alle Lebewesen bringen. Konserviert werden kann es nicht. Das flüchtige Werk ist dazu bestimmt, nach seiner Vollendung zerstört zu werden. Zahlreiche Berliner pilgerten zu den Mönchen, um eine Lektion in Vergänglichkeit zu lernen.

Am Wochenende wurde das Dock 11 dann zum Schauplatz einer ungewöhnlichen Zusammenkunft. Die in Köln arbeitende Amerikanerin Amanda Miller und die Tänzer des Pretty Ugly Tanztheaters haben sich mit tibetischen Mönchen zum Austauschprojekt verabredet. Miller hatte auf einer Indienreise das Exil-Kloster Ganden besucht, sich dort mit religiösen Riten und Tänzen vertraut gemacht – und wohl auch Beistand gefunden bei den freundlichen Tibetern. Geprobt wurden die „Debates for Ganden“ in Köln; in Berlin standen Mönche und Tänzer nun erstmals zusammen auf der Bühne.

Amanda Millers Mission lautet nun ebenfalls: Weltfrieden, Harmonie und Glück für alle. Klug lässt sie den weisen Männern den Vortritt. Die lächeln, so wie man es von ihrem Oberhaupt, dem Dalai Lama, kennt. Sitzen im Halbkreis, beten, musizieren und tanzen schon mal. Die Halle ist mit zarten Papierdrachen geschmückt. Dann tun die Mönche etwas, was keiner erwartet hätte: Sie bilden einen lebhaften Debattierclub. Einer stampft mit dem linken Fuß auf, klatscht in beide Hände, es folgt Rede auf Gegenrede. Wie ein Geheimclub hocken die Tänzer zusammen.

In „Butterfly Effect“ tauschen sie rätselhafte Chiffren, manchmal sehen sie wie verwirrte Schmetterlinge aus. Die Mönche bilden einen merkwürdigen Rahmen für die vertrackten Tanzfiguren, die über die Beschwörung nicht hinauskommen. Bis zu einem tieferen Verständnis ist es noch ein weiter Weg, aber schon das gegenseitige Nicht-Verstehen läuft sehr harmonisch ab. Am Ende lächeln die Mönche ihr heiteres Lächeln – und Amanda Miller ist selig. Auch wenn der Zuschauer nicht wirklich eingeweiht wurde in tibetische Weisheit und tänzerische Geheimlehren, verlässt er wohlgemut die gesegnete Halle.

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