Kultur : Tic Tac Toe

Diese Woche auf Platz 10 mit: „Spiegel“

Ralph Geisenhanslüke

Es war einmal eine Zeit, als Casting-Shows noch nicht erfunden waren. Da gab es drei Mädchen, die konnten ziemlich laut motzen. So laut, dass sie 1995 im Ruhrgebiet bei einem Nachwuchswettbewerb entdeckt wurden und man ihr Gemotze bald im ganzen Lande hörte. Jazzy, Ricky und Lee sagten dauernd irgendwelchen Leuten, sie fänden sie „Scheiße“ und sollten sich „verpissen“. Davon fühlten sich Millionen Käufer angesprochen.

Die Überlieferung sagt: Drei Freundinnen sollt ihr sein. Das war schon immer so, schon vor den Surpremes, Salt’n’ Pepa oder Destiny’s Child. Drei Freundinnen, die Sorgen und Nöte teilen. Eine trete vor und tue kund, was in ihrem Herzen ist, die anderen mögen ihr antworten. Tic Tac Toe waren für diese klassische Konstellation nicht befreundet genug. 1997 sagten sie bei einer legendären Pressekonferenz, wie scheiße sie sich gegenseitig fänden. Zuvor war herausgekommen, dass die drei keine 18 mehr waren, dass eine mal im Bordell gejobbt hatte und noch ein paar Dinge mehr. Normalerweise würde so etwas im HipHop-Kontext eher die Glaubwürdigkeit steigern. Aber für diese Art von öffentlichem Druck waren sie dann doch zu jung.

Was blieb? Die eine schlug sich mit Messe-Auftritten durch, die andere versuchte sich in einer TV-Comeback-Show. Nun ist die Hamburger Kiez-Größe Karl-Heinz Schwensen als guter Onkel und Manager aufgetaucht. Und wir erleben, was man sonst eher von Monster-Rock-Bands kennt: die Wiedervereinigung in Ur-Besetzung. Lee (31), Jazzy (30) und Ricky (27) wirken heute nicht unbedingt gefestigter als damals. Ihre erste Single ist eine gerappte Therapiestunde, die von Alkoholismus, Bulimie und ganz viel Unglück handelt. Sie endet mit Selbstmord. Natürlich sprechen die drei nicht von sich. Aber die Kompetenz für die dunklen Seiten des Lebens nimmt man ihnen mittlerweile ab. Wie im Märchen klingt das nicht.

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