Kultur : Ticktack

Preisgekrönt: Alicja Kwade im Hamburger Bahnhof

Jens Hinrichsen

Diamonds are a girl’s best friends? Für Alicja Kwade tun es auch Kieselsteine, auf einem Berliner Parkplatz gesammelt und dann in einer Edelsteinschleiferei zu „Bordsteinjuwelen“ veredelt. Kwade, Trägerin des Piepenbrock-Förderpreises für Skulptur, brilliert im Verhexen von Materialien: Ein Messingtablett scheint auf dem Boden in hundert Stücke zersprungen wie Glas. Eine banale Baumarktpalette wird zum schleiflackierten Mahagoni-Möbelstück, Briketts mutieren dank Blattgoldauflage zu Goldbarren. Doppeldeutiger Titel: „Kohle“. Das gefälschte Edelmetall ist im Werkraum des Hamburger Bahnhofs lückenhaft gestapelt, so, als hätten sich gierige Museumsbesucher bereits ausgiebig bedient.

Die „Förderkohle“ kann Alicja Kwade nun dankbar entgegennehmen. Der Preis – kleiner Bruder des Piepenbrock-Preises für Skulptur, den in diesem Jahr Katharina Fritsch erhält – ist mit 12 500 Euro dotiert. Zusätzlich winkt der prämierten Nachwuchskünstlerin eine ein- bis zweisemestrige Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste. Ein Seitenwechsel für Kwade, die bis 2005 selbst an der UdK studiert hat. Die 1979 im polnischen Katowice geborene Künstlerin ist Meisterschülerin von Christiane Möbus, was in der Ausstellungsbroschüre allerdings mit keinem Wort erwähnt wird. Mögliche Erklärung für die Auslassung: Möbus saß auch in der fünfköpfigen Jury, wodurch dem Votum für Kwade durchaus ein gewisses G’schmäckle anhaftet.

Vetternwirtschaft hin oder her: Die gut zwanzig Werke in der Ausstellung überzeugen durch Lakonie, Eleganz und feinen Witz. 555 Kilogramm zermahlene Champagnerflaschen inklusive Etiketten sind zu einem grün-weißen Bergkegel aufgeschüttet. Wie mit ihren PseudoEdelsteinen stößt Kwade hier Fragen nach der Rolle von Werten in der Wegwerfgesellschaft an. Mit luxuriösen Hüllen wird der Betrachter angelockt – und steht dann einem Rätsel gegenüber.

Dem Zeitbegriff widmen sich Kwades Arbeiten mit Uhren, die ihrer Funktion entkleidet sind, indem sie uns die Zeitangabe verweigern: Zwölf rundumverspiegelte Kaminuhren ticken vernehmlich, asynchron schlagen sie, zur halben und vollen Stunde. Statt Ziffernblatt sieht sich der Betrachter nur selbst im Spiegel. Die Sanduhr bist du: „In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie“, schrieb Hofmannsthal. Die Zeilen scheint Alicja Kwade gut zu kennen. Jens Hinrichsen

Hamburger Bahnhof, bis 24. August, Di–Fr 10–18, Sa 11–20, So 11–18 Uhr.

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