Kultur : Tied & Tickled-Trio: Fesseln und Kitzeln im "Roten Salon"

Volker Lüke

Was gibt es Neues in der Popmusik? Fragt man nach Hoffnungsträgern in der deutschen Szene, wird vor allem ein Name genannt: das Tied & Tickled-Trio, ein Sextett (!) aus Weilheim in Oberbayern, das den Zuhörer in eine neue Klangwelt befördern will und sich nach einer ausgefallenen Sex-Technik aus der S/M-Szene benannt hat: Fesseln und Kitzeln. Dementsprechend prickelnd klingt die Musik: geheimnisvoll, lustig, ernst, verstrickt und ergreifend. Eine Musik, die zwischen schwirrender Elektronik und versonnenem Cool-Jazz umherdriftet und dabei an vieles erinnert, was man schon kennt, aber dennoch nicht so gespielt wird, wie man es gewohnt ist. Wegen der großen Nachfrage wurde im Roten Salon ein Doppelkonzert angesetzt. Bei der "early Show" werden die kurz gehaltenen Stücke ihres aktuellen Albums "EA1 EA2" zerdehnt wie Gummibänder. Angetrieben von zwei Schlagzeugern rauscht eine musikalische Welt zusammen, die sich in alle Richtungen ausbreitet und von einem großen Menschen mit knorrigem Gesicht in der Bühnenmitte zusammengehalten wird. Das oberflotte Jazz-Gebläse verbindet sich mit rumpelnden Bässen, bekiffter Krautrock-Elektronik und angetäuschten Latin-Grooves zu einem genuinen Mix, einer Geräuschfahrt, bei der in den besten Momenten subtile Nebengeräusche entstehen, die sich ins Unterbewusstsein schleichen, bis sie plötzlich deutlich werden und uns aufstören aus dem Einverständnis mit dem, was uns von der Bühne herunter packt. Ständige Erinnerung daran, das es außerhalb der Musik noch andere Dimensionen gibt.

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