Kultur : Tief im Malerwald

Die vielen Bühnen des Jörg Immendorff: Nach dem Skandal zeigt die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts das Frühwerk des Künstlers

Katrin Wittneven

Wolllüstig empört malten sich die Gazetten vor einigen Wochen die polizeilich verhinderte Orgie des sinnesfrohen Kunstprofessors Jörg Immendorff in einem Düsseldorfer Edelhotel aus. Ein Mann, elf Gramm Koks, elf eingeladene Frauen – in seiner szenischen Kraft rief das Arrangement Assoziationen vom Fußballteam bis zum Jüngsten Gericht hervor. Vor allem jedoch war es eine kunstvolle Inszenierung. Eine Bühne – mit dem Künstler als Regisseur und Hauptdarsteller. Seinen „Orientalismus“ nannte es Immendorff selbst. Ein Blick auf das Werk des Düsseldorfer Malerstars hätte vielleicht zum Verständnis beigetragen. Eine bereits seit Monaten geplante zweiteilige Ausstellung „Aualand“ in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts verdeutlicht jedenfalls schon in ihrem ersten Teil mit Werken, die zwischen 1964 und 1984 entstanden, dass zwischen dem Mann und seinen Bildern kaum zu trennen ist.

Provoziert hat der 1945 in Bleckede geborene Künstler schon als Student an der Akademie in Düsseldorf. Anfang der Sechzigerjahre studierte er zunächst Bühnenbild, wechselte dann jedoch schnell in die Klasse von Joseph Beuys. Ein Gegenüber, an dem er sich rieb, mit dem es aber auch einen intensiven Austausch gab. Gleich mehrfach taucht Beuys in der Ausstellung auf: als „Fruchtmann“ auf einem Gemälde von 1965 oder auf dem 1974 entstandenen Bild „Heran an die Bilder“, auf dem Immendorff ihn übergroß neben sich auf eine Bühne stellt. Der Mann mit dem Hut und der Anglerweste ist durchsichtig, im Innern sind verschiedene seiner Aktionen zu erkennen. Sogar der Impuls für eines von Immendorffs berühmtesten Werken kam von Beuys: Das durchgestrichene Bild mit der Forderung „Hört auf zu malen“ entstand, nachdem der Lehrer Beuys eine Arbeit abgeurteilt hatte. „Spitzenbild“ sagte der Meister daraufhin – und ließ den Studenten wieder allein.

Auch die mit Kreide beschriebenen Tafeln mit dem Titel „Die Lidlstadt nimmt Gestalt an“ zeugen von einer gegenseitigen Befruchtung von Lehrer und Schüler. Mit der Lidlstadt schuf sich Immendorff eine neue Bühne: die Utopie einer idealen Stadt, die der Künstler mit Pappschachteln, Schildkröten und Wellensittichen in Szene setzte und die auch zahlreichen Aktionen einen Namen gab. Wegen seiner Lidl-Aktivitäten wurde Immendorff gleich mehrfach verhaftet: Als er aus Pappkartons ein Häuschen am Bonner Bundeshaus baute oder sich einen schwarz-rot-gelben Klotz ans Bein band. Damals war die Akademie ihm längst zu eng. 1968 begann Immendorff, als Kunsterzieher zu arbeiten, ab 1971 an der Dumont-Lindemann-Hauptschule in Düsseldorf. Ein Jahr später stellte er auf der Documenta 5 in Kassel aus.

Eigentlich wollte er gar nicht mehr malen, sagte er damals. Und dennoch entstehen auch nach seinen Aktionen immer wieder Bilder, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind: etwa die kleinformatige Serie „Alles über den Botschafter“, die Schildkröten zeigt. Als „Maler wider Willen“ bezeichnet sein Galerist Michael Werner den Künstler, den er bis heute begleitet. Werner war es auch, der die Werke aus dem Keller der Akademie holte und sie ausstellen wollte. Und Immendorff willigt ein, aber erst, nachdem der Galerist ihm zusichert, zunächst Werke der Hauptschüler Immendorffs auszustellen.

Die flammende Programmatik à la „Die Kunst gehört dem Volk“ vieler seiner früheren Werke ist heute kaum noch nachvollziehbar. Der aktuelle Kunstmarkt hat sich bis zur Langweile professionalisiert, die Kunstakademien sind schon lange nicht mehr die Keimzellen der Revolution. Und doch machen diese Bilder klar, dass der Maler, der das Manifest Maos zu Kunst und Kultur in einem frühen Katalog publizierte, nie zwischen dem Werk und sich selbst unterschieden hat. In den Siebzigern hatte Immendorff flammende Reden im Audimax gehalten, Hammer und Sichel am langen Ledermantel befestigt. Heute hängen die Symbole an der Galeriewand.

Malerei ist für Immendorff Teil eines Selbstfindungssystems – und das Ausloten der Möglichkeiten von Malerei. Er ist ein genialer Selbstbeobachter, der von seiner Person aus gesellschaftliche Bezüge entwickelt und dabei immer wieder gegen Konventionen verstößt. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass der Maler, dessen zentrale Werkgruppe „Café Deutschland“ heißt, in verschiedenen Phasen seines Lebens Betreiber des Cafés Paloma auf der Reeperbahn war, Bühnenbilder und Kostüme für verschiedene Opern schuf (wie im vergangenen Jahr für Schostakowitschs „Die Nase“ in der Berliner Staatsoper), dass er Kanzler Schröder auf Reisen begleitete, eine junge ehemalige Studentin heiratete und schließlich – inzwischen schwer muskelkrank – mit einer wüsten Szene im Hotel in die Schlagzeilen geriet.

Im Katalog führt Immendorff ein Gespräch mit jüngeren Künstlern der Galerie. Darin hält er auch ein Plädoyer für einen neuen Künstler-Starkult. Er selbst ist auf dem besten Wege dahin. Gestern war seine Bühne die Galerie Contemporary Fine Arts. (Zur Ausstellungseröffnung siehe S.11)

„Aualand“, Contemporary Fine Arts, Sophienstr. 21, bis 11. Oktober, Di bis Fr 10 bis 18, Sa 11 bis 18 Uhr. Der zweite Teil mit Bildern von 1985-2003 wird vom 14. Oktober bis 29. November zu sehen sein . Katalog 20 €

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