Kultur : Tief im Universum

Kraft, Farbe, Raum: die großartige Mark-Rothko-Retrospektive in Rom

Patricia Wolf

Eine Kapelle der Kunst – als Ort, an dem über seinen Bildern meditiert wird wie über einem Gebet in der Kirche. Das war es, was sich der russisch-amerikanische Künstler Mark Rothko wünschte. Er wäre sicher glücklich gewesen, seine Bilder in jenen Kapellen der Kunst zu wissen, die derzeit im römischen Palazzo delle esposizioni zu sehen sind. Der klassizistische, aus dem 18. Jahrhundert stammende Bau wurde nach einer 28 Millionen teuren und fünf Jahre dauernden Renovierung nun mit seinen Werken wiedereröffnet. Im Innern des monumentalen Gebäudes wähnt man sich in einer Kathedrale: Die Seitenschiffe, flankiert von Marmorsäulen, dienen als Kapellen für die Kunst des abstrakten Expressionisten. Seit ein unbekannter Privatmann sein Bild „White Center“ (1950) im Frühjahr bei Sotheby’s für 73 Millionen Euro ersteigerte, gilt er als teuerster Nachkriegskünstler.

Die Retrospektive mit über 70 Gemälden und etlichen Skizzen bildet in chronologischer Folge das Schaffen des Künstlers ab. Als Marcus Rothkowitz 1903 in Russland geboren, emigrierte er zehn Jahre später mit seiner Familie in die USA. 1925 begann er mit dem Studium der Malerei und wandte sich dem Expressionismus zu. Nach Europa kehrte er erst 1950 besuchsweise zurück. Hier entspann sich eine zeitlebens andauernde Liebesaffäre mit Italien, dem Land, das Künstler wie Giotto und Fra Angelico hervorbrachte, die Rothko viel bedeuteten. Ihr Einfluss zeigt sich in seinen ersten Arbeiten sowohl in der Technik als auch der Motivwahl. Wie beispielsweise in „Mother and child“ von 1938/39, eine auf gipsgrundierter Leinwand aufgebrachte Ölmalerei in kleinem Format.

Die selten gezeigten Bilder des Frühwerks erzählen von der Anonymität der modernen Großstadt. U-Bahn und Straßenszenen sind Sinnbilder für die Einsamkeit. Bald darauf lässt sich Rothko von den Motiven und Techniken der Surrealisten inspirieren und wendet sich mythologischen Themen zu: Traumbilder und archaische Motive prägen nun seine Werke. Die Interaktion zwischen Betrachter und Bild rückt in den Vordergrund – und ist schließlich in seinen Augen das, was ein Bild vollendet.

Die Ausstellung hält sich nicht lange beim Frühwerk auf, zeigt vielmehr Arbeiten, mit denen der Name Rothko eigentlich verbunden wird: großformatige Bilder, teils über drei Meter hoch, mit horizontalen Rechtecken aus transparenter Farbe. Überzeugt davon, dass er nur mit seinen „large pictures“ intim und menschlich sein könnte, sagte er: „Wenn du ein großes Bild malst, bist du wirklich drin. Dann kannst du es nicht mehr beherrschen.“ Und wirklich: Die schiere Größe der Bilder, im Zusammenspiel mit der überschwänglichen Leuchtkraft der Farben, hat etwas Bezwingendes. Sie betören den Betrachter.

Und was sieht der? Monochrome Farbfelder aus Gelb, Orange, Pink, Rot, die reine Sinnlichkeit verströmen. Die transparenten Farben, manchmal auch Grün- und Blautöne, in mehreren Schichten auf die unbehandelte Leinwand aufgetragen, ergeben Bilder mit nebulösen, schwebenden Trennlinien – Traumlinien, die uns zeigen, wie aus Farbe Raum entsteht. Es sind Bilder mit verschwommener Kontur, die eine Illusion von Bewegung erzeugen. Erzielt hat Rothko diesen Effekt, indem er die unteren Schichten durch die oberen hindurchschimmern ließ. Zugleich scheint die tollkühne Kraft der Farbe durch die Schwere der Form gebändigt. In Rom kann man sich die Werke so anschauen, wie Rothko es empfahl: Für ihn lag der ideale Abstand zwischen Betrachter und Bild bei 45 Zentimetern. Die tiefe Hängung und gedämpfte Beleuchtung ermöglichen es, vollkommen ins Bild einzusteigen, die Grenzen zwischen Betrachter und Kunstwerk verschwimmen zu lassen.

1958 war Rothko eingeladen, als erster Amerikaner auf der Biennale in Venedig einen Pavillon zu gestalten. Die damals gezeigten Arbeiten sind ein Höhepunkt der Schau, für die der damalige Raum mit allen Bildern eigens rekonstruiert wurde. Hier kündigt sich auch schon die Düsternis der kommenden Jahre an.

Ab Mitte der Sechziger veränderte sich Rothkos Farbgebung dramatisch. Er benutzte in seiner letzten Schaffensperiode ausschließlich dunkle Farben. In den „Blackforms“ oder der Serie „Black on Gray“ spielt die Interaktion keine Rolle mehr. Vielmehr sollte das Bild eine spirituelle Erfahrung evozieren: Zurückgeworfen auf uns selbst wird uns der Widerspruch unseres Lebens bewusst. Wie sollen wir die Spannung ertragen zwischen der Bedeutung, die wir unserer Existenz geben, und der Erfahrung angesichts der Unendlichkeit des Universums? Der schwer erkrankte Künstler schnitt sich 1970 in seinem Studio, seiner Kapelle der Kunst, die Pulsadern auf.

Palazzo delle esposizioni, Rom, bis 6. Januar 2008.

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