Kultur : "Tiefe der Sehnsucht": Man lebt nur zweimal

Jan Schulz-Ojala

Zwei oder drei Dinge, die wir von ihr wissen, na gut, vier oder fünf. Dass sie mit Bruce Willis verheiratet war, ihm und sich und der Welt und ihren Kindermädchen drei Kinder schenkte, Bruce vor zwei Jahren wegen Brad (Pitt) verließ, der nun auch schon wieder weg ist. Dass sie sich vor neun Jahren hochschwanger hat nackt fotografieren lassen für "Vanity Fair" und vor Gericht mit dem Versuch baden ging, Leslie Nielsen ein entsprechend parodistisches Foto zu verbieten. Dass sie in ihren besten Zeiten in Hollywood zwölfeinhalb Millionen Dollar Gage machte, worauf sie - im Blick auf die noch teurere männliche Konkurrenz, vor allem wohl auf ihren Mann Bruce - sehr stolz war, was die Produzenten ihr wegen lauter Flops aber bald sehr übel nahmen. Dass sie ihren Silikonbusen, teuer genug implantiert, seit einiger Zeit nicht mehr mag. Ja, und dass sie eigentlich Demetria Guynes heißt und schon mit fünfzehn abhaute von einem Zuhause, das kein Zuhause war.

Schon fünf Dinge über Demi Moore? Hier noch schnell was Sechstes, ist aber auch schon eine Weile her. "Die Zeit" brachte das kürzlich, als Erinnerung einer "Premiere"-Klatschreporterin von 1993. Eine Titelstory über Demi Moore hatte sie schreiben sollen, aber die Promo-Leute schoben den Setbesuch mit immer abenteuerlicheren Begründungen hinaus. Eine davon: "Sie können Demi Moore jetzt nicht sehen. Sie dreht nackt in der Badewanne."

Ja, das war wohl Demi Moores große Zeit - nach dem "Unmoralischen Angebot", nach "Enthüllung". Sie trieb die Preise hoch. Dann ging es bergab, mit "Nicht schuldig", mit dem "Scharlachroten Buchstaben" und, vor allem, mit "Striptease", wofür sie ihren Körper monatelang geschunden hatte und am Ende nur zum Gespött Hollywoods geworden war. Das Schlimmste: Plötzlich war die Entblößungsfanatikerin mit dem Hang zu Hexenrollen nicht einmal mehr sexy. Ihr letzter Film "Die Akte Jane", wo sie eine glatzköpfige, superharte Elite-Rekrutin spielte, wirkte wie ein wütender Abschiedsbrief an alle, die sie zum verhasstesten Star Amerikas gemacht hatten.

Aber so ein (Schauspieler-)Leben geht ja weiter, trotz allem, und so ist Demi Moore jetzt in Alain Berliners "Tiefe der Sehnsucht" hineingeraten. Und das, wenn man so will, gleich zweimal. Denn sie spielt eine in der Provence lebende junge Witwe mit Kindern und eine kinder- und auch meist eher männerlose New Yorker Verlegerin. Zwischen Marie und Marty wechselt der Film pausenlos hin und her, denn die eine träumt die andere und umgekehrt. Genauer: Kaum ist die eine eingeschlafen, wacht sie als die andere wieder auf. Moore rund um die Uhr. Moore pur. Eine Schauspielerin, die einen neuen Anlauf nimmt zum Ruhm oder vielleicht auch nur zu sich selbst, eine Schauspielerin, für die es auf einmal ein bisschen spät geworden ist im Leben.

"Tiefe der Sehnsucht" heißt im Original, weitaus weniger weichgespült, "Passion of Mind". Das trifft schon eher das leidenschaftlich Verkopfte, das in diesem Projekt steckt. Und das durchaus was intelligent Leidenschaftliches hätte werden können. Wer ist diese Marie bzw. Marty? Wer träumt wen? Sind wir alle nicht zufällig in eine Leben hineingeworfen und könnten genauso gut ein ganz anderes führen? Leben wir alle, wenn wir denn noch einen Funken Eventualität für uns übrig haben, nicht - mindestens - zweimal, und das gleichzeitig?

Mag sein, dass der Belgier Alain Berliner, der mit "Ma vie en rose" ein unvergessliches Jungenmädchen-Kind erfand, auch durch die diesem Plot innewohnende Verdoppelungslust magisch angezogen war, Grenzgängerei hin zu einer ausnahmsweise symptomfreien Schizophrenie. Mag sein, dass er Hollywood nur mal ausprobieren wollte: frischer Golden-Globe-Gewinner, dem die Leute von Lakeshore Entertainment da ein mittlerweile zehn Jahre altes Drehbuch andienten. Dabei herausgekommen aber ist eine Art Interkontinentalpudding. Amerika mit den Augen Europas: glatt, kühl, erfolgsfixiert. Europa mit den Augen Amerikas: zerknautscht, dafür enorm seelenvoll. Hie Broker-Klamotten, dort die Renaissance der Latzhose. Klischee-Projektionen, wie New York, wie die Provence. Und im Auge dieses Topfwirbelstürmchens: die immergleichen, kühlen Augen der Demi Moore.

Sehr schnell flüchtet sich "Tiefe der Sehnsucht" in die Untiefen der Sehnsuchtslosigkeit: Erst zwei Psychotherapeuten, dann zwei Lover werden Marie/Marty hinzugesellt (Stellan Skarsgard und William Fichtner) - und alsbald bringen gewisse Objekte aus einer der Halb-Identitäten die jeweils andere Hälfte des Lebens endgültig durcheinander. Und die Lösung? Sie ist, rückwirkend, so sonnenklar, dass zumindest eine der beiden Demi Moores selbst hätte schon viel früher drauf kommen müssen.

Und Schluss. Nur ein trockener Wortwechsel noch, wie ein Meteorit hineingestürzt in diesen papierenen Film. "Mich gibt es wirklich", beteuert einer der Lover. Und Moore: "Das sagen sie alle."

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