Kultur : Tiefe Wasser, große Sprünge

Carolyn Carlson beim Tanz-Winter im Hebbel-Theater

Sandra Luzina

Diese Wasser sind tief: „Writings on Water“ schuf Carolyn Carlson für die Biennale von Venedig 2002 – ein Tanz, der dem Element Wasser huldigt. Mit dem Solo gastiert die in Paris lebende Amerikanerin, die zu den einflussreichsten Protagonistinnen des modernen Tanzes in Europa zählt, beim Tanz-Winter im Hebbel-Theater. Mit ihren 60 Jahren ist Carolyn Carlson immer noch eine beeindruckende Erscheinung und eine formidable Tänzerin. Wer die hoch gewachsene Choreografin nach der Premiere im lebhaften Gespräch mit ihren Kolleginnen Susanne Linke und Reinhild Hoffmann erblickte, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, einem Gipfeltreffen beizuwohnen.

Die Kalifornierin ertanzte sich ersten Ruhm in der Company von Alwin Nikolais in New York. In den Siebzigerjahren zog sie nach Europa, wo sie zu einer Wegbereiterin des modernen Tanzes wurde. Rolf Liebermann, der sie 1975 zur Étoile ernannte, rief für sie die Groupe de Recherches Théatrales de l’ Opéra de Paris ins Leben. Mehr als 70 Werke umfasst ihr choreografisches Schaffen. Eine gefeierte Tänzerin und unermüdliche Verfechterin des modernen Tanzes, lehrt Carolyn Carlson heute in dem 1994 gegründeten Atelier de Paris – das Gebäude in der Cartoucherie von Vincennes stellte ihr die Stadt Paris zur Verfügung.

Den Prolog zu „Writings on Water“ bildet ein suggestiver Schwarzweißfilm von Peter Knapp. Schäumende Meeresbrandung, eine gekräuselte Wasseroberfläche: Nicht um impressionistisches Wellenspiel geht es, erkennbar werden rhythmische Bewegungsmuster. Die Streicherklänge von Gavin Bryars lassen dramatische Unterströmungen heraushören. Tief in seelische Gewässer taucht die Carlson ein mit ihrem Solo. Ein Zen inspiriertes Bühnenbild mit zwei roten Lacktischchen bildet den Rahmen für ein tänzerisches Zeremoniell, das rituellen Ernst mit den Torturen einer Seelenreinigung verbindet. Als wäre sie über ihrer Verrichtung eingeschlafen, ruht zu Beginn der Kopf der Tänzerin auf dem.Tisch. Sich aufrichtend, öffnet sie mit einer feierlichen Geste die Hände. Aus einem Bronzegefäß gießt sie Wasser auf ihren Malgrund und beginnt mit kraftvollem Strich zu zeichnen, erst mit der Hand, dann mit einem Pinsel. Bald schon nimmt die Malerin hexenhafte Züge an, ihre Hände werden zu Klauen. Das Stück folgt Spiegelungen des Selbst. Das Unterbewusste führt hier der Malenden den Pinsel.

Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss? Nicht so bei Carolyn Carlson. Ihr Tanz navigiert durch turbulente Gewässer. Immer wieder sieht man Gesten des Spiegelns und der Blendung. Das Solo wird zur quälerischen Selbstbefragung, getanzt mit einer fast schmerzhaften Intensität, doch auch befrachtet mit reichlich Pathos. Gegen Ende geschieht eine Art Läuterung. Da schwimmt die Carlson sich frei, da können die Energien sich ungehindert verströmen. „Spiritual Warriors“ heißt eine ihrer Arbeiten. Als spirituelle Kriegerin präsentiert sie sich auch in Berlin.

Der Tanz-Winter im Hebbel-Theater läuft bis zum 19. 2., weitere Informationen unter Tel. 2590 0427/36 .

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