Kultur : Tiefe Wasser

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Christian schröder über eine späte Anklage gegen Leni Riefenstahl

Man kann sich das Kino auch als Unterwasserlandschaft vorstellen. Es gibt Filme, die wie Korallen im Licht funkeln, vergängliche Schönheiten, die rasch von noch strahlenderen Exemplaren überwuchert werden. Das ist gewissermaßen die Alltagsproduktion der Studios, die im Wochenrhythmus in die Cineplexe drängt. Ganze Genres – Western, der Heimatfilm – sind hingegen abgetaucht in die Dunkelheit, wie versunkene Kontinente. Und immer wieder wird von Schätzen gemunkelt, die tief unten in diesem Schattenreich zu entdecken seien.

Eine diese Kostbarkeiten, von denen geraunt wird wie von einem weißen Wal, ist „Tiefland“. „Tiefland“ gehört zu den berühmtesten Filmen der deutschen Kinogeschichte, obwohl ihn kaum jemand gesehen hat. Leni Riefenstahl drehte ihren zweiten Spielfilm, ein Berg-Melodram nach der Oper von Eugen d´Albert ab 1940 in Spanien, Italien und bei Mittenwald, wo ein ganzes Dorf nachgebaut worden war. Die Produktion musste mehrfach wegen Devisenmangels unterbrochen werden, die Regisseurin intervenierte bei Hitlers Stellvertreter Bormann, noch im April 1945 forderte sie Hauptdarsteller Bernhard Minetti für Synchronaufnahmen in Kitzbühel an. Bei Kriegsende waren 100000 Meter Film belichtet, die eine lange Odyssee antraten, bevor sie 1954 von Riefenstahl in ein 98-Minuten-Format geschnitten wurden. Nach einem Flop an der Kinokasse verschwand der Film in der Versenkung.

Es könnte sein, dass „Tiefland“ nun noch einmal uraufgeführt wird: im Gerichtssaal. Der begeisterten Tiefseetaucherin Riefenstahl, die zu ihrem 100. Geburtstag vom Kulturkanal arte mit der Premiere ihres neuen Films „Impressionen unter Wasser“ geehrt werden soll, droht ein erneuter Prozess. „Rom e.V.“, eine Kölner Vereinigung von Sinti und Roma, hat „juristische Schritte“ gegen die Jubilarin angekündigt. Denn „Tiefland“ ist auch ein Dokument der Menschenverachtung. Sechzig Komparsen waren direkt in den „Zigeuner“-Baracken eines Konzentrationslagers für den Film rekrutiert worden. Vom weiteren Schicksal dieser Menschen, das in die Gaskammer führte, will die Regisseurin nichts gewusst haben. „Es gelang ihr bis heute, ohne Ahnung von dem zu bleiben, wovon sie keine Ahnung haben wollte“, schrieb Margarete Mitscherlich. Leni Riefenstahl ist eine Jahrhundertkünstlerin, doch vor den Verbrechen, in die sie verstrickt ist, kann sie auch als Hundertjährige nicht abtauchen.

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