Tiere im Film : Zur Schau gestellt

Was Kino und Zoo gemeinsam haben: Ein Bremer Symposium beäugt Tiere im Film. Die standen auch ganz konkret am Anfang der Filmgeschichte.

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Wau-Faktor. Lassie mit Filmpartner Roddy McDowall, um 1943.Foto: © Str Old/Reuters
Wau-Faktor. Lassie mit Filmpartner Roddy McDowall, um 1943.Foto: © Str Old/Reuters

Die Einstellung des Menschen zu seinen animalischen Mitbürgern hat sich in letzter Zeit substanziell geändert – was nicht erst die derzeitige „Tiere Essen“-Debatte verrät. Unser früher so selbstverständlicher Status als Krone der Schöpfung wird zusehends infrage gestellt. Das ist auch Folge der Emanzipationsbewegungen, die immer neue Bewohner der scheinbar natürlichen Welt ihrer Geschichtslosigkeit entreißen. Nach Frauen, Sklaven und indigenen Völkern kommt mittlerweile auch die tierische Kreatur zu ihrem Recht, kann allerdings im Unterschied zu den unterdrückten Menschengruppen nicht selbst das Wort ergreifen. So fehlt der Anti-Speziesismus-Bewegung bis heute ein artikulationsfähiges Subjekt.

In der Wissenschaft ist die Beschäftigung mit der Mensch-Tier-Beziehung zunächst im angelsächsischen Raum aus feministischen Kontexten in akademische Gefilde vorgedrungen. Wobei die animal studies bei den Bild- und Filmwissenschaften eine besondere Rolle spielen. Denn die Geschichte der modernen MenschTier-Beziehung ist mit ihren medialen Abbildern so eng verzahnt wie die Jagdpraxis unserer Vorfahren mit der Höhlenmalerei. Beide, das Kino wie die moderne Tierhaltung, sind Früchte des 19. Jahrhunderts, das Verschwinden bäuerlicher Gebräuche aus dem industrialisierten Alltag geht einher mit der Entstehung kommerzieller Freizeitkultur und den virtuellen Welten des Kintopp. Am Wochenende widmete sich das 16. Bremer Filmsymposium „Der Film und das Tier“ diesen Zusammenhängen.

Tiere standen auch ganz konkret am Anfang der Filmgeschichte. Eadweard Muybridges berühmte Fotoserie von 1872 versuchte, die Bewegungsabläufe eines trabenden Pferdes durch Auflösung in Einzelbilder zu erforschen. Marey, der mit seiner „Fotoflinte“ unter anderem den Vogelflug entzauberte, nannte sein 1882 erschienenes Buch „La machine animale“. Später, als die Einzelbewegungen zur Unterhaltung des Publikums wieder zu bewegten Bildern zusammenmontiert wurden, waren Tiere ihre ersten und populärsten Stars: Max Skladanovskys boxendes Känguru, Percy Smith’ jonglierende Ameisen oder Rover, der erste Filmhund.

Bald folgten Rin Tin Tin und Lassie, Mickymaus und Dracula, King Kong und der weiße Hai, von den tierischen Nebenfiguren, die die Leinwand bevölkern, zu schweigen. Schon in den 20er Jahren gab es Naturdokumentationen, ein Genre, das bis heute mit der Visualisierung von Verborgenem durch Vergrößerung oder Zeitlupe (etwa in „Mikrokosmos“) an die Versuche von Marey und Muybridge anknüpft. Dabei sind, im Spiel- wie im Dokumentarfilm, emotionale Überhöhung und Anthropomorphisierung die zentralen Identifikationsstrategien aus der Trickkiste des Tierfilms.

Dass die Geschichte der Tiere nur über die Geschichte ihrer Bilder und die Filmgeschichte nur über die Beschäftigung mit dem Tierischen zu verstehen ist, war Grundthese des vom kommunalen Bremer Kino 46 und der dortigen Uni ausgerichteten Symposiums. Sabine Nessel aus Berlin zog Analogien zwischen der Projektion des Kinos und der Schauordnung des Zoologischen Gartens, die sich in der auffälligen Präsenz von Käfig- und Zoo-Metaphorik in den Filmen spiegeln. Beide – Kino und Zoo – stellen das Lebendige zur Schau, und das fahrende Gewerbe der Wandermenagerien ähnelte dem der von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehenden Wanderkinos in der Frühgeschichte des Films.

An einer Klassifikation des filmischen Bestiariums versuchte sich der Bochumer Vinzenz Hediger: vom Abbild real existierender Arten über die Rekonstruktion von Urechsen und anderen ausgestorbenen Spezies bis zu den gänzlich erfundenen Varianten in Science-Fiction- und Fantasyfilmen. Hediger präsentierte einen bellenden Elefanten ein besonders rührendes, doch eher obsoletes Exemplar.

Die Darsteller des Tierischen errangen zeitweilig kaum weniger Aufmerksamkeit als ihre menschlichen Pendants: Rin Tin Tin wurde angeblich von einem livrierten Chauffeur herumkutschiert; von 1951 bis 1986 gab es mit dem Patsy sogar einen eigenen Darstellerpreis für tierische Helden. Dabei achtete das amerikanische Publikum bald auch auf den Tierschutz. Der von dem britischen Tierhistoriker Jonathan Burt vorgestellte französische Unterwasserfilmpionier und Tierliebhaber Jean Painlevé scheute dagegen nicht davor zurück, die von ihm poetisch in Szene gesetzten Seepferdchen vor laufender Kamera aufzuschlitzen und ihrer Brut zu berauben. Doch auch beim Wagenrennen für den ersten „Ben Hur“-Film 1925 sollen 150 Pferde ums Leben gekommen sein.

Bald darauf setzten Tierschutzorganisationen Auflagen durch; seit 1977 hat die American Humane Association relativ weitgehende Rechte zur Kontrolle des Umgangs mit Tieren vor der Kamera. Seit der Erfindung des Animationsfilms wie der Special Effects ist auch mit der Fauna im Film eh alles nur denkbar Strapaziöse und Fantastische möglich. Wobei in bestimmten Zuschauerkreisen auch zu viel Tierliebe auf Widerspruch stoßen kann. In seinem Standardwerk „Animals in Film“ berichtet Jonathan Burt von der Kampagne der US-Jägerlobby gegen den Disney-Klassiker „Bambi“ aus dem Jahr 1942. Er sei, so die Herren des Waldes, „die bisher schlimmste Beleidigung des amerikanischen Sportsgeists“.

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