Kultur : Tiere sehen dich an

Das Münchner Lenbachhaus richtet dem „Blauen Reiter“ Franz Marc eine grandiose Retrospektive aus

Bernhard Schulz

Blaue Pferde, gelbe Kühe, rote Affen: Das Bestiarium Franz Marcs ist beliebt. Millionenfach reproduziert, findet es sich auf Postkarten, Wandkalendern und in Allerweltskunstbüchern. An Marc, dem Tiermaler, gibt es scheinbar nichts mehr zu entdecken – bis man die atemberaubende Retrospektive besucht, die das Münchner Lenbachhaus diesem einzigen gebürtigen Münchner der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ ausrichtet. Beide Räumlichkeiten des Lenbachhauses werden benötigt, um die Fülle dieser Ausstellung fassen zu können. Mit 95 Gemälden und 174 weiteren Arbeiten ist es die größte seit der Gedenkausstellung von 1916 für den im März desselben Jahres gefallenen Künstler – und die erste seit der gleichfalls vom Lenbachhaus ausgerichteten Geburtstagsausstellung 1980.

Werke Franz Marcs (1880–1916) auszuleihen, gehört zu den schwierigsten Unterfangen in der Kunstwelt. Das Museum allein hätte es wohl kaum bewerkstelligen können. In diesem Falle stand ein Sponsor zur Vollfinanzierung des Projekts bereit, der just um die Ecke ansässige Energiekonzern Eon. Er finanziert das Projekt vor, mit 250000 Besuchern ist die Bilanz wieder ausgeglichen – wobei etwaige Überschüsse dem Museum zufließen.

Mit Ausnahme der nicht mehr transportfähigen „Tierschicksale“ aus Basel sind alle Hauptwerke vorhanden. Im Kunstbau, dem unterirdischen Museumsteil am Königsplatz, findet das reife Werk mit großzügiger Hängung den gebührenden Raum. Denn jedes der Marc’schen Bilder ab 1911 ist ein Kosmos für sich. Ohne das beeindruckende Werkverzeichnis, das Kuratorin Annegret Hoberg gemeinsam mit Isabelle Jansen in den vergangenen Jahren am Lenbachhaus erstellt hat, wäre die jetzige Übersicht kaum möglich gewesen. Es gelang, eine Fülle seltener Leihgaben zu mobilisieren, die die Retrospektive weit über das bekannte Repertoire hinausheben. Sie vereint vierzig Prozent des Gesamtwerks und sogar die Hälfte dessen, was nach den Verlusten des Zweiten Weltkrieges erhalten blieb.

Da kommt einem sofort der „Turm der blauen Pferde“ in den Sinn, jenes bereits 1919 für die Berliner Nationalgalerie erworbene, 1937 als „entartet“ beschlagnahmte und 1945 verschollene Hauptwerk, das seit jeher als Ikone der von den Nazis verfolgten Moderne gilt. Marc zum Gegenpol der NS-Barbarei zu stilisieren, hat allerdings auch mit der schiefen Rezeption der Moderne in Deutschland zu tun. Marc gilt eben als der reine Tiermaler, als Vertreter einer höheren Geistigkeit schlechthin.

Die Ausstellung trifft also auf eine Fülle von Vorurteilen. Umso wichtiger ist daher ihr präziser Aufbau. Sie beginnt im Altbau des Lenbachhauses mit dem Frühwerk eines Akademiezöglings, der sich vom Münchner Pleinairismus um 1900 über nachgeahmten Van Gogh zunächst zu keinem rechten Stil hin entwickelt, allerdings das Tier als Motiv bereits immer stärker einkreist.

In impressionistischer Manier entstehen 1910 die „Weidenden Pferde I“, kaum mehr als eine hübsche Pferdestudie. Doch im Jahr darauf – das ist im Kunstbau zu sehen – entstehen die „Weidenden Pferde IV“ als grandiose Dreieckskomposition roter Leiber auf gelbem und blauem Grund. Alles stimmt – und es stellt sich die Frage, wie der Künstler so unvermittelt diesen enormen Sprung schaffte, mitten hinein in sein reifes Werk, das sich von da an in ungeheurer Produktivität entfaltet.

Marc lebte inzwischen mit seiner späteren Frau Maria Franck abgeschieden im oberbayerischen Sindelsdorf zur Miete bei einem Schmied, auf dessen ungeheiztem Dachboden selbst bei strengster Kälte alle diese wunderbaren Bilder entstanden – Marcs Beitrag zur Moderne. Am Neujahrstag 1911 hatte er Wassily Kandinsky kennen gelernt, den 14 Jahre älteren, charismatischen Russen, der kurz vor dem Durchbruch zur Abstraktion stand. Mit Kandinsky verband Marc von Stund an tiefe Sympathie. Wenige Monate später entstand die Idee eines Almanachs, für den in Marcs Gartenlaube der Name „Der Blaue Reiter“ gefunden wurde, weil Kandinsky Blau als Farbe des Geistes hochhielt, Marc aber das Pferd als das dem Menschen nächste Tier liebte. Aus dem berühmten Almanach entsprang die epochale Ausstellung im Dezember 1911, die den „Blauen Reiter“ als Künstlergruppe etablierte.

Das ist hinlänglich bekannt. Die Entwicklung Marcs jedoch an Hand seines in nur dreieinhalb Jahren – bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs – entstandenen Oeuvres verfolgen zu können, ist ein Glück, wie es jeder Generation nur einmal gewährt wird. Marc sah sich, seinen programmatischen Aussagen im „Almanach“ zufolge, als einer der „,Wilden’ Deutschlands“. Deren Ziel müsse es sein, „durch ihre Arbeit ihrer Zeit Symbole zu schaffen, die auf die Altäre der kommenden geistigen Religion gehören“.

Das Tier als Antipode des durch technisch-materialistischen Fortschritt in geistige Tiefe gezogenen Menschen schien ihm der geeignete Träger solchen Symbolwerts zu sein. Daher spielte die Farbe keine mimetische Rolle mehr, sie bedeutet vielmehr geistige Kraft (Blau), „das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich“ (Gelb) oder „die Materie, brutal und schwer“ (Rot).

Marcs Äußerungen – etwa jene berühmte Unterscheidung zwischen „Das Reh“ und „Das Reh fühlt“ – haben das Missverständnis befördert, ihm sei es allein um Einfühlung in die Tierseele gegangen. Es geht ihm indessen zugleich um die kosmische Einheit, in der das Tier die organische Welt vertritt. Mehr und mehr verschmelzen die Formen seiner auffallend häufig in sich gedrehten, den Kopf gesenkt haltenden Kreaturen mit Blumen, Felsen und Gewässern: Mit der sie umgebenden Natur formen sie ein Kaleidoskop des Seins.

Dem heutigen Betrachter sind solche Sichtweisen eher fremd. Aber der hohe Ton, aus dem sich der Widerhall Nietzsches wie Stefan Georges heraushören lässt, war damals noch möglich. Alsbald jedoch genügte Marc das Tier nicht mehr. Rückblickend schrieb er 1915 – mittlerweile Offizier – von der französischen Front: „Ich empfand schon sehr früh den Menschen als ,hässlich’; das Tier erschien mir schöner, reiner, aber auch an ihm entdeckte ich soviel Gefühlswidriges und Hässliches, so dass meine Arbeiten instinktiv (aus innerem Zwang), immer schematischer, abstrakter wurden.“ Da hatte Marc bereits den französischen Kubismus in der „orphischen“ Version Robert Delaunays kennen gelernt wie auch die italienischen Futuristen. Aus beiden Einflüsse gewann er mit seinem eigenen Vokabular immer dynamischere Formen, in denen die Tiere oder besser Tiersymbole aufgehen in einem Gewitter aus splitternden oder wirbelnden Formen voll glühender Farbigkeit.

Ein Hauptwerk allerdings fällt aus dieser Entwicklungslinie heraus: „Das arme Land Tirol“ von 1913. Es ist eines der erschütterndsten, bedeutungshaltigsten Bilder, in denen Kunst eine kommende Katastrophe vorausahnt. Im selben Jahr malt Marc metallisch scharfkantige Wölfe und versieht das Werk mit dem Titelzusatz „Der Balkankrieg“. So findet das vielzitierte Wort des Künstlers, „Die Weltanschauung der alten Welt wird zur Weltdurchschauung der neuen Welt“, in dem mit brennendem Blick gemalten „Tirol“-Bild eine neue Ausformung, anders und härter als in seinen seelenvollen Tierdarstellungen.

Für Marc war das nur ein Zwischenstadium. Die Ausstellung schließt mit „Kämpfende Formen/ Abstrakte Formen“ von 1914, die keinerlei Vergegenständlichung mehr bedürfen, um den Konflikt der „Prinzipien“ darzustellen. Marc blieb keine Zeit mehr. Am 6. August rückte er ein, am 4. März 1916 ist er als Reiter vor Verdun gefallen.

München, Lenbachhaus und Kunstbau, bis 8. Januar. Katalog im Prestel-Verlag, 336 S., 28 €, im Buchhandel 19,90 €. – Annegret Hoberg/Isabelle Jansen: Franz Marc, Werkverzeichnis Gemälde. C.H.Beck Verlag, München 2004, 340 S., 248 €.

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