Kultur : Tiere sind auch nur Menschen

CARLA RHODE

Dem gleichnamigen Bestseller von Nicholas Evans wird nur Mittelmäßigkeit bescheinigt, dennoch griff Robert Redford nach diesem Stoff, ermöglicht er ihm doch einmal mehr, sein Naturburschenimage aufzupolieren.Die Rolle des Farmers Tom Booker wurde dem "ewigen Cowboy" auf den Leib geschrieben (Drehbuch: Eric Roth und Richard LaGravenese), und man spürt, wie wohl er sich mit einer Figur fühlt, deren Lebensperspektiven den seinigen weitgehend entsprechen.Redford, der zwar immer wieder beteuert, das Stadtleben nicht zu hassen, ist selbst leidenschaftlicher Rancher und bezeichnet sich als "Westerner durch und durch".Sein Booker hat sich schon vor Jahren auf der Familienranch im "Marlboro-Land" Montana niedergelassen.Dort wurde er zum weithin berühmten "Pferdeflüsterer", zu einem Mann, der kranke Pferdeseelen heilen kann.

Zwei New Yorkerinnen, Mutter und Tochter, machen sich auf die weite Reise nach Montana, um Booker um Hilfe zu bitten.Die 14jährige Grace (Scarlett Johansson) hatte bei einem Wochenendausritt aufs dick verschneite Land einen schweren Unfall.Ihre Freundin kostete er das Leben, sie selbst kam mit einer Beinverletzung davon, ihr Pferd, ebenfalls schwer verwundet, erlitt ein Trauma.Seit dem Unfall ist es bösartig und unberechenbar, aber, darin sind sich Mutter und Tochter einig, eingeschläfert werden soll es nicht.Booker möchte die beiden Besucherinnen samt Pferd am liebsten gleich wieder wegschicken, aber die energische Annie (Kristin Scott Thomas) läßt sich nicht abweisen.Sie ahnt, daß die Genesung des Pferdes auch ihrer Tochter, deren Bein zum Teil amputiert werden mußte, das seelische Gleichgewicht zurückgeben wird und setzt die gesammelte Power der erfolgreichen New Yorker Chefredakteurin ein, um Booker in die Pflicht zu nehmen.

Für die Therapie des Pferdes nimmt sich der Film viel Zeit.Robert Redford, der auch Regie führt, läßt in diesem Dreistunden-Werk die Handlung unendlich langsam voranschreiten, ein größerer Kontrast zum Hollywood-Thriller-Action-Kino läßt sich kaum vorstellen.Auch High Tech-Künste gibt es nicht, mit Kunst hat sein Film dafür umso mehr zu tun.Denn erzählt wird in einem spannungsvollen Nebeneinander unterschiedlicher Beziehungen und Geschichten nicht nur von der Heilung eines Pferdes.Die Figuren werden integriert in den arbeitsreichen, aber streßfreien Alltag des Farmerlebens, und vor allem Annie lernt, daß es noch etwas anderes gibt als volle Terminkalender und dauerklingelnde Handys.

Je mehr Annie die Lebensbotschaft des naturbeglückten Menschen- und Pferdekenners akzeptiert, desto heftiger fühlt sie sich zu ihm hingezogen.Sie läßt Job Job sein und spielt sogar mit dem Gedanken, bei Tom Booker auf der Ranch zu bleiben.In einer Tanzszene knistert es heftig zwischen den beiden, doch rechtzeitig tritt Annies Ehemann auf den Plan, Verzicht ist angesagt.

Das klingt konservativ und ist es auch, wird aber glaubwürdig entwickelt.Auf ein schnelles Abenteuer sind sie nicht aus.Annie, anfangs resolut, läßt endlich auch Emotionen zu, wird zarter, weicher, weiblicher - und bleibt trotzdem selbstbestimmt.Sie kehrt nach New York zurück, aber der Konflikt scheint nicht nur Bookers wegen kaum lösbar.Schließlich bringt der Film auch noch eine Landschaft ein, die, von Redford in Cinemascope gefilmt, wohl zum Schönsten gehört, was Amerika zu bieten hat, Weite, Raum und einen unendlichen Horizont.

Auf 27 Berliner Leinwänden; Kurbel (OV), Odeon und Odyssee (OmU)

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