Tierphilosophie : Kluger Affe, arme Sau

Von Menschen und Tieren (2): Reinhard Brandt behauptet, dass nur der Homo Sapiens denken kann

Marianna Lieder

Seit vor 150 Jahren Darwins „Entstehung der Arten“ erschien, ist klar, dass Mensch und Tier aus demselben Holz geschnitzt sind, und mittlerweile hat man sich, von kreationistischen Strömungen abgesehen, sogar weitgehend mit dieser narzisstischen Kränkung arrangiert. So mag das menschliche Genmaterial zu 98 Prozent mit dem des Hausschweins übereinstimmen, es bleibt doch allein der Mensch, der zu dieser Erkenntnis fähig war. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, inwiefern man die eigene Gattung unter Berufung auf das geistige Vermögen vom Tier abgrenzen kann. Über kognitive Fähigkeiten verfügt sowohl der Zeitungsleser als auch sein Hund, der ihm die Morgenlektüre bringt.

Für Reinhard Brandt sind die Schwierigkeiten der Grenzziehung hier zum wesentlichen Teil auf eine Tendenz zur begrifflichen Unschärfe zurückzuführen, die er bei Fachkollegen ebenso wie bei der Empirie verpflichteten Naturwissenschaftlern um sich greifen sieht. In „Können Tiere denken?“ mobilisiert der emeritierte Marburger Philosophieprofessor die ehrwürdige Tradition abendländischer Geistesgeschichte und setzt ein pointiertes Modell des menschlichen Geistes gegen das strapazierbare Konzept der „kognitiven Fähigkeiten“.

Denken, präzisiert der Kant- und Aristotelesexperte, sei unauflöslich mit Urteilsfähigkeit verbunden: In seiner elementarsten Form ist das Urteil durch drei Eigenschaften gekennzeichnet: Erstens bedarf es eines urteilsexternen Bezugs: Wenn gesagt wird „Der Hut ist dreieckig“, geht es im Normalfall nicht um das grammatische Subjekt „Hut“, sondern um eine Kopfbedeckung irgendwo im Raum. Zweitens kann das Urteil bejahend oder verneinend sein, und drittens ist es wahr oder falsch. Beispielsweise liegt Brandt zufolge gründlich daneben, wer die urteilsbasierte Überzeugung vertritt, „Tiere können denken“.

Mit dieser Engfassung wird im Erkenntnisvermögen das Alleinstellungsmerkmal des Menschen veranschlagt, eine Fähigkeit, die wie alle übrigen ihre Entstehung und ihren Feinschliff dem selektiv verfahrenden Naturgeschehen verdankt, aber ihren exklusiven Eigner befähigt, sich über den bloßen Naturzweck hinaus zu transzendieren: Aufgrund des urteilenden Denkens ist der Mensch in der Lage, Begriffe zu bilden, Schlüsse zu ziehen, Theorien zu entwickeln; es liegt darin die Grundlage seiner Sprache, Kultur und Wissenschaft, kurz: seines artspezifischen Welt- und Selbstbezugs.

Nun ist es eine Sache, die Urteilsstruktur als Kern der Rationalität auszuweisen, eine andere, diese Eigenschaft am Schreibtisch des Philosophen der Tierwelt radikal abzusprechen: Kommt etwa der Vogel, der für sein Nest einen vom Feind unerreichbaren Ort „wählt“, ohne urteilsbasierte Unterscheidungsleistung aus? Ebenso der Hund, der seinen Fressdrang auf Befehl des Herrchens zurückstellt? Und auch bei den eindrucksvollen Leistungen von Labormäusen und Primaten – keine Spur eines mentalen Vorgangs à la „Banane ist/ist nicht essbar“? Für Brandt blitzt hier nicht einmal eine Vorform von Urteilskompetenz auf. Anhand zahlreicher Beispiele macht er plausibel, dass vermeintliche Belege für die Fähigkeit eines Tieres, Schlüsse zu ziehen oder Kausalzusammenhänge zu erkennen, auf eine mangelhafte begriffliche Differenzierungsleistung der Interpreten zurückgeführt werden können. Bis dato, so das Fazit, gebe es keinen ernsthaften Anlass, in der Fauna ein dem menschlichen Denken gleichrangiges Vermögen anzunehmen; sämtliche bekannte tierische Verhaltensweisen ließen sich zufriedenstellend mit weniger anspruchsvollen Konzepten wie dem der Assoziation, dem Instinkt und Reiz-Reaktions-Schemata erklären.

Auch wenn Brandt den Begriff des Geistes nicht hoch genug ansetzen kann, ist er weit davon entfernt, einer Variante der kartesianischen Sichtweise vom Tier als seelenloser Biomaschine das Wort zu reden. Außer Zweifel steht, dass Tiere Schmerz, Lust und Sorge empfinden, dass sie über Kommunikationsformen, Vorstellungen und „im Rahmen ihrer mentalen Fähigkeiten“ über ein Bewusstsein verfügen. Genauere Kompetenzbestimmungen überlässt Brandt hier der empirischen Detailforschung.

Brandt spricht als Anwalt des denkenden Subjekts, der über den Umweg „eines Beitrags zur Tierphilosophie“ das Standardargument gegen eine materialistisch-reduktionistische Tendenz in der Hirnforschung reformuliert. Dieses Anliegen hat seine Berechtigung. Allerdings ist dabei die Auffassung des menschlichen Geistes, den Brandt vor unqualifizierten Zweiflern unter Artenschutz gestellt sehen will, problematisch. Es wird von einem Konzept des Denkens ausgegangen, bei dem Rationalität in strikter Loslösung von allen übrigen mentalen, emotionalen oder psychischen Zuständen ihre volle Bedeutung zugeschrieben wird. Eine Position, die nicht erst in der zeitgenössischen Philosophie des Geistes auf Gegner stößt, sondern bereits im spätmittelalterlichen Denken eines von Ockham und von neuzeitlichen Philosophen wie Hume diskutiert wurde. Brandt verwendet eine Menge Scharfsinn , aber der Gestus der Unhintergehbarkeit, mit dem er die Empirie in ihre Schranken weist, verstärkt bloß den Klärungsbedarf seiner eigenen Folgerungen.

Reinhard Brandt: Können Tiere denken? Ein Beitrag zur Tierphilosophie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.

159 Seiten, 10 €.

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