Kultur : Tierwelten

Berliner Theatertreffen: „Hier und Jetzt“ aus Zürich

Rüdiger Schaper

Später, wenn es dunkel ist, huschen die U-Bahnzüge am Glasdach entlang wie Zebras, die von Geparden verfolgt werden. Oben auf den Querträgern flattert ein verirrtes,verliebtes Vogelpärchen. Roland Schimmelpfennig liebt die Tierwelt. Sie bevölkert so manches seiner Stücke: Bei „Hier und Jetzt“ sind es vor allem Insekten. Zum Theatertreffen ist die Zürcher Uraufführungsinszenierung eingeladen. Noch einmal eine Regiearbeit von Jürgen Gosch, der uns in diesen Theatertagen so nahe kommt.

Schon der versteckte Gastspielort im Alten Postbahnhof am Gleisdreieck wird zur Entdeckung. Das Spiel beginnt bei Tageslicht. Gut dreihundert Zuschauer (es könnten so viel mehr sein, die Nachfrage ist gewaltig) hocken bei diesem Trocken-Picknick auf aufgeschütteter Erde, als wär’s im Freien. Elf Schauspieler sitzen an einer langen Tafel, rauchen, essen, trinken Rotwein, meist alles gleichzeitig. Eine kleine Hochzeitsgesellschaft, in fortschreitender Auflösung. Seit dem Dogma-Film „Das Fest“ ein beliebter Stoff, wobei das Urmodell wohl doch vom jungen Brecht stammt, der in seiner „Kleinbürgerhochzeit“ aus Menschen, Gefühlen und Möbeln Kleinholz machte.

Schimmelpfennigs Bestiarium einsamer und zu rituellen Ausbrüchen neigender Zweibeiner kämpft mit den Zumutungen der Liebe, des Begehrens und des Zufalls. Christine Schorn sieht überall Stechmücken und Bienen, während Georg Martin Bode immerzu an vier Däninnen im Bikini denken muss. Dörte Lyssewski erinnert sich an die ersten Tage, als man gar nicht mehr aus dem Bett herauskam, und Charly Hübner hat das Rezept, wie Frauen angesprochen werden wollen. Wolfgang Michael weiß, wo man eine Waffe kauft, wenn die Beziehung am Ende ist, und Corinna Harfouch ist an diesem Abend eher still und versonnen, spielt aber ein herzzerreißendes Akkordeon.

Tanz, Musik, Sprüche, Sauferei und blutige Rauferei. Nichts Besonderes. Schon zig Mal gesehen und gehört – aber noch nicht so leicht und von magischer Absurdität getränkt wie bei Gosch, seinem Raumerfinder Johannes Schütz und diesem Ensemble, das sich wie ein Tier mit 22 Beinen zu bewegen scheint, oder eben still und stumm da hockt. Sie haben sich nichts zu sagen, und das tun sie unwiderstehlich. Das Theatertreffen 2009 bleibt auf der Höhe mit diesem gezielten kollektiven Absturz. Rüdiger Schaper

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