Kultur : Tierzucht: Immer im Kreis

Dagmar Dehmer

Renate Künast habe getobt, sagt ihre Sprecherin Sigrun Neuwerth. Die Verbraucherschutzministerin hatte auch allen Grund dazu. Gute zwei Wochen lang war ein brisanter Brief des niederländischen Landwirtschaftsministeriums in ihrem Hause liegen geblieben. Ob das nun Schlafmützigkeit, mangelnde Sensibilität oder Sabotage war, will ihr Staatssekretär Alexander Müller bis Ende der Woche herausfinden. Nur eines sei klar, sagt Neuwerth: "Das wird Konsequenzen haben, auch hier im Haus."

Vor fast genau einem Jahr war schon einmal einer grünen Ministerin ein ähnliches Missgeschick widerfahren. Damals ging es um Separatorenfleisch, das maschinell vom Knochen abgekratzt wird. Die Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach mochte nicht ausschließen, dass BSE-Risikomaterial wie Rückenmark in die daraus hergestellte Brühwurst gelangt sein konnte. Im Landwirtschaftsministerium - damals noch unter Künasts Vorgänger Karl-Heinz Funke (SPD) - hatte der Brief keinerlei Spuren hinterlassen. Und im Gesundheitsministerium, noch von Andrea Fischer (Grüne) geführt, war der Brief auch nicht weiter aufgefallen. Am Ende stolperte Fischer unter anderem über diese Schlamperei und trat zurück. Daran mag Künast auch gedacht haben, als sie von der niederländischen Warnung vor illegalem Fischmehl erfuhr.

Illegale Sondermüllentsorgung

Der eigentliche Skandal liegt bald ein halbes Jahr zurück. Im August waren in Shrimps aus südostasiatischen Aquakulturen hohe Rückstände des Antibiotikums Chloramphenicol gefunden worden. Deshalb ordnete die Europäische Union an, Garnelen aus China, Indonesien und Vietnam unter die Lupe zu nehmen. Prompt fand sich das Antibiotikum in einer Lieferung von 27 Tonnen Shrimps in den Niederlanden. Die Behörden verlangten eine sofortige Vernichtung. Statt diesen Auftrag auszuführen, vermischte eine Recyclingfirma in Volendam die Garnelen mit anderen Fischabfällen und lieferte 188 Tonnen davon im November an eine Fischmehlfabrik in Cuxhaven.

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Uwe Bartels (SPD) hatte am Dienstag noch gehofft, dass das kontaminierte Fischmehl nicht zu Futtermitteln für Nutztiere verarbeitet wurde. Vermutlich sei Katzen- oder Hundefutter daraus geworden, hieß es beim Deutschen Verband Tiernahrung (DTV) in Bonn noch am Mittwochvormittag. Am frühen Abend musste Bartels dann aber bekanntgeben, dass das kontaminierte Fischmehl an viel mehr Firmen verkauft worden war als angenommen. Der Bremer Gesundheitssenat sagte, nun könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass auch Nutztiere das Fischmehl bereits gefressen hätten. Zwar werden vor allem Fische mit den zermahlenen und getrockneten Abfällen von Fischen gefüttert. Doch Fischmehl landet auch in der Hähnchen- und Schweinemast im Futtertrog. Und so könnte das gefährliche Antibiotikum nun doch noch auf dem Teller von Menschen landen.

Der Vorsitzende des Agrarausschusses im Europaparlament, Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, sagt dazu: "Da fällt einem bald gar nichts mehr ein." Er verlangt, dass Futtermittelfirmen, die sich kriminell verhalten, stärker zur Rechenschaft gezogen werden. Graefe hält eine Nachweispflicht für Firmen für ein effektives Mittel. Dann müssten diese Auskunft darüber geben, woher sie ihre Rohstoffe beziehen und um welche Rohstoffe es sich überhaupt handelt. Der Grünen-Politiker will für das Geschäft Lizenzen zur Pflicht machen. Denn dann könnte einer nicht vertrauenswürdigen Firma ihre Lizenz entzogen werden, und damit hätte sie auch einen beträchtlichen ökonomischen Schaden zu fürchten. Mit behördlicher Kontrolle allein sei dem jedenfalls nicht beizukommen, vermutet Graefe.

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