Kultur : Tiger im Tempel

Im Kino: „Zwei Brüder“ von Jean-Jacques Annaud

Martin Schwickert

Es ist das Kinojahr der Katzen. Nachdem der Comic-Kater „Garfield“ auf der Leinwand zu neuem Leben erweckt wurde und Halle Berry wenig überzeugend zur „Catwoman“ mutierte, hat Jean-Jacques Annaud in „Zwei Brüder“ echte Raubkatzen als Spielfilmhelden unter Vertrag genommen. Die Rezeptur des fiktionalen Tierfilms konnte Annaud schon in „Der Bär“ (1988) erfolgreich einsetzen.

In „Zwei Brüder“ (in Berlin in 19 Kinos) entwirft er im Indochina der Zwanzigerjahre ein tränenreiches Familiendrama um zwei Tigerbrüder, die durch Menschenhand gewaltsam getrennt werden. Guy Pearce spielt den Großwildjäger McRory, der die schützende Hand über die Raubkatzen hält, Jean-Claude Dreyfus den schmierigen Gouverneur, der durch eine Tigerjagd die Beziehungen zum Provinzfürsten aufbessern will.

Aber die eigentlichen Stars sind die beiden Tiger. Die Kamera folgt ihnen durch die verwilderten Tempelanlagen von Angkor, holt zu atemberaubenden Totalen über die kambodschanische Dschungellandschaft aus und scheint immer enger mit den geschmeidigen Bewegungen der Raubkatzen zu verwachsen. Nachdem die treublauen Augen der Tigerbabys die Herzen des Publikums zum Schmelzen gebracht haben, steht ihrer Etablierung als aktive Spielfilmfiguren nichts mehr entgegen. Annaud verwendet viel Zeit darauf, die unergründlichen Raubtiergesichter zu erforschen. Diese kontemplativen Momente sind weitaus spannender als die Story, die die Stereotypen der Disney-Filme bedingungslos nachahmt.

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