Kultur : Tiger ohne Ente

Peter Laudenbach

Der Titel klingt wie eine Hommage an Krista Tebbe, die Berliner Kulturstaatssekretärin, die damit bekannt wurde, dass sie als Sparmassnahme das Heiß-Duschen in Kultureinrichtungen untersagen wollte. "Heißes Wasser für alle": Das neue Stück von Gesine Danckwart ist eine vielstimmige Montage, eine Collage des verfehlten Lebens und der leer laufenden, leicht verwirrten Gefühle. Wort-Kaskaden, die an Thomas Bernhards Menschheitsverfluchungen erinnern, wechseln sich ab mit ratlos-rastlosen Selbstgesprächen, kurzen aasigen Versuchen der Kontaktaufnahme zur Außenwelt und absurden Miniszenen aus dem Sozialbiotop der vereinsamten Großstädter.

Der misanthropischen Komik des Stückes ist anzumerken, dass Gesine Danckwart es in Wien geschrieben und inszeniert hat, als Artist in Residence des Wiener Schauspielhauses. Jetzt zeigt sie die Uraufführung beim Performance-Festival "reich & berühmt" im Berliner Podewil. Die Bühne von Michael Zerz: eine angegammelte Sitzgruppe, ein Büroschreibtisch von robuster Hässlichkeit und ein riesiger Plastiktiger, grellorange und aufblasbar. Das Schöne an dem Tiger ist, dass man sich gegen ihn werfen und in ihm versinken kann, vor allem aber sorgt er dafür, dass kein übertriebener Tiefsinn aufkommt. All die Sätze über verunsicherte Identität, leise aufsteigende Panik und neurotische Zwänge wirken vor diesem Tiger halb so schlimm und doppelt so komisch.

Die Alltagsmenschlein, zwei Damen (Elisabeth Kopp, Alexandra Schmid) und zwei Herren (Hary Prinz, Gregor Seberg), die sich auf dem Sofa räkeln oder kleine Auftritte absolvieren und ihre Existenzsorgen und gut geölten Lebenslügen ins Publikum sprechen, bleiben seltsam diffus. Es sind Sprecher mit verschwommener, ständig wechselnder Identität, keine klar umrissenen, psychologisch gepolsterten Figuren - lauter Leerzeichen, die sich für Momente im Sprechen schnell erfinden und sofort verblassen, wenn ihr Text vorbei ist. All diese Leute, die in den neunzig Minuten der Aufführung am Zuschauer vorbeitreiben, kommen einem merkwürdig vertraut vor, verstrickt in ihre Alltagslabyrinthe. Ein schmaler Mensch in Angestelltenmode, billiges Jackett, geschmacksneutrale Hose, singt sein Klagelied des enttäuschten Mitarbeiters, der immer loyal zur Firma war, zur Chefetage ein respektvolles Verhältnis pflegte, auch mal samstags kam und jetzt trotzdem arbeitslos zu Hause sitzt. Ein anderer räsoniert gemütlich darüber, dass "sich ja die Sexualität als Differenz der Geschlechter ebenso aufgelöst hat wie das Politische, beziehungsweise es ist alles ineinander übergegangen, das entlastet mich ebenso von der Frage, was mit meinem Sexualleben ist, wie von der lächerlichen Notwendigkeit politischen Handelns."

Das ist komisch und von einer lakonischen Melancholie. Nur leider schleppt sich die Inszenierung zunehmend zäh von Szene zu Szene. Sie hat keinen Rhythmus, keine Verdichtungen oder Beschleunigungsmomente, alles plätschert gleichförmig dahin. Das ironische, doppelbödige Spiel mit Versatzstücken, das der Text mit lässiger Raffinesse betreibt, wird in der Inszenierung zu einem etwas schwerfälligen, eindimensionalen Bebildern der schnell angerissenen Klischees.

Auch eine zweite Uraufführung des Festivals spielt sehr leicht und charmant mit Klischees, ausgestellten Posen und einer Ikonografie der Gesten. Die wunderbare Lindy Annis zeigt "Shorts", fünf "melancholische bis tragische Stücke". In einer knappen Stunde wird die Antike und Auerbachs Keller, Arthur Millers "Death of a Salesman" und Tschechows "Kirschgarten", dazu ein halbes Dutzend Biografien einschließlich der der Künstlerin erschöpfend in minimalistische Soli verwandelt - von einer "Encyclopedia of Tragic Attitudes" bis zur Kurzfassung des Kirschgartens. Annis ruft sehr pathetisch: "Olga! Times have chanced! Cut the trees!" Komischer - und kürzer - dürfte der Kirschgarten noch nie gefällt worden sein.

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