Kultur : "Tiger & Dragon": Wozu brauchen Schauspieler ein Tao, Herr Lee?

In "Tiger & Dragon" will eine junge Frau in di

Ang Lee, 1954 geboren in Taiwan, seit 1978 in New York lebend, ist als Filmregisseur ein Spätberufener. Er studierte zunächst Theaterwissenschaften, bevor er als knapp Vierzigjähriger - mit "Das Hochzeitsbankett" - seinen internationalen Durchbruch feierte und 1993 auf Anhieb den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Nach "Eat Drink Man Woman" konnte er seinen Berlinale-Triumph 1996 mit der Jane-Austen-Verfilmung "Sinn & Sinnlichkeit" wiederholen; Die Schauspielerin Emma Thompson schrieb das Drehbuch und erhielt dafür einen Oscar. Zuletzt kam vor vier Jahren die sensible zeitgenössische Familienstudie "Der Eissturm" ins Kino, Ang Lees erster Film mit ganz und gar amerikanischer Thematik. Zwei neue Filme Ang Lees, der quer durch die Genres immer wieder neue Stoffe sucht, verbinden Western und Eastern-Stilformen: Das US-Bürgerkriegsdrama "Ride with the Devil" lief letzte Woche in den Kinos an, das spektakuläre Martial-Arts-Epos "Tiger & Dragon" ist ab morgen in Deutschland zu sehen.



In "Tiger & Dragon" will eine junge Frau in die männliche Heldenrolle schlüpfen, nicht gerade typisch für den Martial-Arts-Film. In "Ride with the Devil" wiederum weiß ein junger Mann nicht recht, wo sein Platz ist. Was verbindet die beiden Hauptfiguren Ihrer neuen Filme?

Sie sind jung, und sie sind Outsider, tatsächlich unsicher in ihren Rollen. Der deutschstämmige Jake in "Ride with the Devil" ist sogar doppelt ein Outsider, denn er kämpft nicht, wie die meisten Einwanderer aus Deutschland, für den Norden. In dem sehr maskulinen Genre der Martial-Arts habe ich zwei Frauen ins Zentrum gestellt, weil ich starke Frauen immer faszinierend finde. In fast allen meinen Filmen stehen solche Frauen im Zentrum. Beim Blick auf das Martial-Arts-Genre ergibt sich eine gute Analyse des Genres und auch der sehr repressiven patriarchalischen Gesellschaft.

Was macht einen Film-Helden überhaupt für Sie aus?

Freiheit von und über den Dingen. Er oder sie muss das Tao finden, den richtigen Weg, das Gleichgewicht, das befähigt, nicht zum Gefangenen des Schicksals zu werden. Auch als Filmemacher braucht man dieses Tao, muss man das Gleichgewicht finden. Und muss dazu eben manchmal die Regeln ein bisschen ändern.

Bisher hatten Sie mit dem Hongkong-Martial-Arts-Stil nicht viel im Sinn.

Ich habe mir damit einen geheimen Kindheitswunsch erfüllt. Wenn man erwachsen und Regisseur ist, sucht man erst mal andere Formen, um seinen Spaß zu haben - man macht zum Beispiel Familiendramen, die sind viel billiger zu realisieren (lacht). Andererseits war ich für diesen sehr speziellen Filmstil, den ich schon als Student verfolgte, gar nicht ausgebildet, ich habe mich dafür nicht wirklich reif gefühlt. Seit es von den Choreographen aus Hongkong übernommen wurde, hat es sich stark weiterentwickelt. Deren Filmsprache ist sehr energetisch und aufregend, mit eigenen, neuen Regeln. Sie verbinden chinesische Oper mit Akrobatik, die bekannten Actionfilme aus dem Westen mit den Martial-Arts-Traditionen bis hin zum Kampfsport. Auch die Kameras bewegen sich anders als in Amerika. Sie sind Ausdruck des Hongkong-typischen Hochgeschwindigkeits-Lifestyles und liefern sehr ungeduldige, knappe Bilder. Auch meine Perspektive auf das Filmemachen hat sich durch diesen Film verändert.

Ist Ihre Hinwendung zu diesem Genre auch als kulturelles oder politisches Statement zu verstehen?

Insofern, als er zeigt, dass sich alle diese Stile zu etwas Neuem, Universalem verbinden lassen. "Tiger and Dragon" ist ein globaler Film: Er wendet sich an das Publikum der ganzen Welt, ohne einen "amerikanischen Stil" zu propagieren. Mir ging es allerdings auch weniger darum, einen Genre-Film zu machen. Ich wollte die Bildsprache der Martial-Arts benutzen, aber auch ihr poetisches und philosophisches Potenzial ausreizen, um etwas anderes zu erzählen: eine dieser ewigen Geschichten über menschliche Beziehungen, über Selbstkontrolle und Transzendenz, soziale Ironie ...

War es auch eine Art Ironie, als ein Fremder in Amerika zuvor mit "Ride with the Devil" ausgerechnet einen Film über den US-Bürgerkrieg zu drehen?

Kein Amerikaner würde den Bürgerkrieg so erzählen. Denn ein Teil der Überlieferung, der nicht in die Lesart als ideologischer Konflikt passt, ist vergessen worden. Ich lebe nun schon so lange dort, bin ein Bürger, der von der Globalisierung Amerikas und seines Weltbildes mitbetroffen ist - und da hat es mich interessiert, die Geburtsstunde jener Ära zu ergründen, in der Amerika wurde, was es heute ist. Mit dem Bürgerkrieg hat das begonnen, was wir heute "Amerikanisierung" nennen. Er hat unsere ganze Denkweise geprägt. Die Mehrheit der Kino-Zuschauer kennt den Bürgerkrieg allerdings als Schwarz-Weiß-Darstellung. Aber so war es nicht, es war wie in Bosnien. Krieg bedeutet, dass die Situation außer Kontrolle gerät.

Fühlen Sie sich nach 22 Jahren USA ganz als Amerikaner?

Ich lebe vor allem in New York. Die Atmosphäre dort ist sehr befreiend. Die Leute dort sind intelligent und offen; New York ist nicht Amerika, New York ist die United Nations, über die Hälfte der Bevölkerung sind Fremde, viele sind keine Weißen. Ich bin dort sehr relaxt. Wenn ich nach Taiwan zurückkomme, werde ich immer nervös, weil mich dort alle kennen. Andererseits wurden die Grundlagen meiner Persönlichkeit, meiner Lebensphilosophie - meine Augen, könnte man sagen - schon zu einem guten Teil in China gebildet. Das wird sich wohl kaum noch ändern.

Verhalten sich asiatische und westliche Schauspieler beim Dreh ähnlich?

Die Asiaten sind gehorsamer, weniger aggressiv. Leichter für das Ego des Regisseurs, aber vielleicht weniger gut, um einen großen Film zu machen. Ich mag amerikanische Schauspieler lieber. Sie bringen eine Menge mehr in den Film hinein. Amerikanische oder englische Schauspieler sind sehr gut vorbereitet, kommen mit eigenen Ideen und kämpfen dafür. Man muss sie eher bremsen, mit ihnen um das ringen, was sich ins Gesamtkonzept des Films einfügen lässt. Ich mag das. Andere Regisseure diktieren lieber, sie glauben, sie seien brillant, sie wüssten alles. Ich glaube das nicht.

Andererseits kann die Arbeit mit Stars auch ganz schön anstrengend sein.

Macht nichts, wenn sie nur wirklich gute Schauspieler sind! Bei "Sense & Sensibility" habe ich zum ersten Mal mit richtigen Stars gearbeitet. Durch sie habe ich viel über Leinwand-Image erfahren. Sie strahlen etwas aus, das jenseits des Spielens liegt. Nicht jeder Schauspieler kann - ungeachtet der Qualität - ein Filmstar sein. Stars haben cinematische Magie, besondere Gesichter, besondere Wirkungen, die niemand nachahmen kann. Man muss das als Regisseur respektieren - ob man es benutzt oder ob man dagegen arbeitet.

Sie sind, von der Themenwahl Ihrer Filme her gesehen, der typische Eklektiker. Was verbindet einen Jane-Austen-Stoff mit einem chinesischen Märchen, was verbindet der US-Bürgerkrieg mit Familien aus der amerikanischen Gegenwart?

"Sense & Sensibility", Verstand und Gefühl, der freie Wille und romantische Erfahrungen stehen oft im Konflikt mit den sozialen Verpflichtungen. Wir wollen sie beide aus ihrer Versklavung befreien - auch wenn uns das töten kann. Wir alle brauchen Zuwendung, wir wollen aber auch allein gelassen werden, auf uns selbst gestellt. Diese Balance darzustellen, ist mein Wunsch als Geschichtenerzähler. Das hat meine Geschichten geprägt, davon habe ich mich bisher noch nicht gelöst. Das war mein Stachel im Fleisch. Oder nein: kein Stachel, eine Verlockung. Es ist wie beim Kochen: Man macht immer dasselbe.

Das Schöne an Ihren Filmen ist, dass ihre Struktur weniger dicht ist als die der meisten amerikanischen Filme. Sie haben Zeit für Exkurse, Sie lassen sich treiben ...

Die klassisch-soliden, engen Erzählstrukturen langweilen mich. Schon mit meinem zweiten Film habe ich damit gebrochen - nicht ohne einen gelegentlichen Rückgriff wie in "Sense & Sensibility". Damals war es produktionstechnisch notwendig, einmal einen Major-League-Film zu machen, einen, der sicher funktioniert und mit den Einnahmen anderes ermöglicht. Aber sonst suche ich immer die "dickere", ungleichmäßigere, weniger geradlinige Struktur. Hollywood-Erzählformen entwickeln eine Person oder eine Gruppe immer nur anhand eines einzigen Themas. Da bleiben tote Winkel. Spannender ist da doch ein Patchwork aus vielen Einzelteilen, Sie können dieses Vorgehen kubistisch nennen, oder eine Collage ... Mag sein, dass man dabei Zeit verliert. Und Linearität, wenn man denn Rhythmus entwickeln will. Aber dafür sieht man genauer, aus mehreren Blickwinkeln.

Würden Sie Ihren bisherigen Weg als Lernprozess beschreiben? Finden Sie also jeden Ihrer Filme besser als den vorherigen?

Meine ganze Karriere ist eine Art Filmschule. Schade, dass ich nicht 300 Jahre alt werden kann (lacht). Manchmal fühle ich mich wie ein Kind im Süßwarenladen und hoffe nur, dass ich lange genug lebe, um alles auszuprobieren. Nur in meinen ersten Filmen habe ich meine Person ganz in den Vordergrund gestellt, meine eigene Situation und meine persönlichen Probleme. Bei manchen Filmemachern bleibt das ein Leben lang so.

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