Kultur : "Tigerland": Immer wieder Vietnam

Frank Noack

Wenn es in Deutschland zum Historikerstreit kommt, sind fast nur Wissenschaftler daran beteiligt. Ganz anders in den USA: Hier wird der Streit schon mal im Kino ausgetragen. In "Die grünen Teufel" (1968) verherrlichte John Wayne den Einsatz der Amerikaner in Vietnam. Derselbe John Wayne überreichte 1978 den Oscar für Michael Ciminos "Die durch die Hölle gehen", der keinen Zweifel daran ließ, dass der Vietnamkrieg die für die USA größte politische Katastrophe des Jahrhunderts war. Der Gegenschlag folgte unter Reagan: 1982 stellte Sylvester Stallone in "Rambo" die verlorene Ehre des Vietnamkämpfers wieder her.

Künstlerisch ergiebiger war es, den Vietnameinsatz zu verurteilen - das haben Oliver Stone mit "Platoon" (1986) und Stanley Kubrick mit "Full Metal Jacket" (1987) bewiesen. Doch selbst diese Filme brachten vor allem Bedauern für die gefallenen US-Soldaten zum Ausdruck, nicht für die vietnamesischen Opfer. Das Thema verschwand aus den Kinos. Jetzt sorgt ausgerechnet der für reaktionäre Selbstjustiz-Propaganda ("Die Jury", "8 mm") berüchtigte Joel Schumacher für seine Wiederbelebung. Mit erfreulichen Resultaten.

"Tigerland" ist ein Remake des ersten Drittels von "Full Metal Jacket". Er zeigt das brutale Training, die entwürdigende Behandlung der Rekruten. Schumacher geht so nah an die Männer heran, dass man sich nie im Raum orientieren kann. Wenn ein sensibler Rekrut beim Betreten des Duschraums zusammengeschlagen wird, ist der Vorgang nur zu hören: Schumacher erzählt, ohne zu zeigen. "Tigerland" versucht nicht, mit zeitlichem Abstand den Vietnamkrieg gültig zu erklären. Er dokumentiert, statt zu dozieren.

Anders als Kubrick entlässt Schumacher seine Männer nicht aus ihrer Verantwortung. Der militärische Drill fördert keine schlechten Eigenschaften zutage, die nicht schon vorher dagewesen wären. Die bekannten Klischeefiguren kommen durchaus vor. Nur verhalten sie sich anders als erwartet.

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