Kultur : Tigersprünge

Eine Berliner Tagung über „Megastädte in Asien“

Ulf Meyer

Spätestens wenn Peking 2008 die Olympischen Sommerspiele organisiert und zwei Jahre später in Schanghai die nächste Weltausstellung stattfindet, wird sich die globale Aufmerksamkeit auf die Megastädte Ostasiens richten. Beide Metropolen putzen sich derzeit als „erste chinesische Weltstadt“ heraus. Ihr urbanes Wachstum ist ebenso ungehemmt wie im Rest Ostasiens: In weniger als zwanzig Jahren werden über zwei Milliarden Menschen in den Metropolen der Pazifikanrainerländer leben. Bereits heute gibt es in Asien dreimal mehr Stadtbewohner als in der ganzen westlichen Welt – Grund genug, das Phänomen des explodierenden städtischen Wachstums in Ostasien in einer Tagung zu untersuchen. Die Deutsche Gesellschaft für Asienkunde aus Hamburg holte dazu im Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin-Dahlem Experten aus aller Welt zusammen, die vom Städtebau über die Energieversorgung bis zur urbanen Gesundheitsversorgung die drängendsten Themen berührten. Die zukünftige Menschheits- und Umweltentwicklung wird zum Großteil in diesen Agglomerationen entschieden.

Noch 1950 war New York weltweit die einzige Stadt mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Heute sind es schon 25, Tendenz steigend. Der größte städtische Ballungsraum der Welt ist Tokyo mit 34 Millionen Einwohnern. Es folgen Seoul, Schanghai, Jakarta oder Osaka mit 16 Millionen Bewohnern. In China leben im Jangtse-Delta schon 87, im Perlflussdelta 40 und im Beijing-Tianjin-Korridor 27 Millionen Menschen dicht gedrängt. Die ausufernden Metropolen im pazifischen Asien könnten kaum unterschiedlicher sein: Während Taipei Hongkong seine angestammte Rolle als „Tor zu China“ streitig zu machen sucht und sich als Touristendestination präsentiert, ist Schanghai mit der Überwindung seines „kolonialen Komplexes“ beschäftigt.

Wirtschaftlich liegen Welten zwischen den ostasiatischen Metropolen: Während das Wachstum in den chinesischen Großstädten in den Neunzigern von niedrigem Niveau aus emporschnellte, stagnierte es in reiferen Ökonomien wie der von Tokio. Die Pläne, eine neue, erdbebensichere Hauptstadt zu bauen, hat Japan wieder verworfen: Junichiro Okata von der Universität Tokio zeigte, dass die Innenstadt der japanischen Kapitale seit dem Platzen der Spekulationsblase als Wohnstandort erneut an Attraktivität gewonnen hat. Selbst in der schnell alternden japanischen Gesellschaft schrumpft die Megalopolis Nippons deshalb nicht.

Während Tokio als reichste und wichtigste asiatische Stadt Nordostasien zum Vorbild gereicht, spielt Singapur die Rolle der Modellmetropole für Südostasien. So orientiert sich Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam daran: Das ehemalige Saigon kämpft gegen die Armut, indem es erstmals auf schienengebundenen Personennahverkehr setzt. Die vermeintliche Verwestlichung der ostasiatischen Metropolen ist in Wahrheit eine Japanisierung oder Singapurisierung.

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