Till Brönner : Jazz ist der neue Pop

Bye-bye Avantgarde: Trompeter Till Brönner räumt in einem Buch mit Musik-Klischees auf.

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Auf dem Boden bleiben. Till Brönner mit Arbeitsgerät. Foto: Bam Bam Music
Auf dem Boden bleiben. Till Brönner mit Arbeitsgerät. Foto: Bam Bam Music

Jazz war lange ein Schimpfwort, ein Synonym für anstrengende, manchmal komplett unhörbare Musik, die vor allem von Strebern, Kiffern oder Studienräten in Cordanzügen geschätzt wurde. Aber Jazz, sagt Till Brönner, kann ganz anders sein, nämlich „ein Vergnügen“. Der Berliner Trompeter erzählt von seiner Lieblingsmusik, von „Kind of Blue“, dem schönsten aller Miles-Davis-Alben, von Chet Baker und seiner herzerweichenden Melancholie, von den an Coolness nicht zu überbietenden Auftritten des „Rat Packs“ Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis jr. und gerät ins Schwärmen. „Wenn du dein Fenster offen lässt und drinnen ist der Verstärker hochgedreht und Ella Fitzgerald singt Cole-Porter-Songs, dann kann es sein, dass die Nachbarn klingeln: nicht, weil die Musik zu laut wäre. Sondern weil sie diese Platte auch haben wollen.“

Till Brönner hat eine Mission: Er will seinen Landsleuten beweisen, dass Jazz der bessere Pop sein kann. Mit seinen Platten ist ihm das bereits gelungen, sie erobern die vorderen Ränge der deutschen Hitparade, als erste Veröffentlichungen der Jazz-Kategorie seit den Zeiten von Bert Kaempfert und Paul Kuhn. Sein aktuelles Album „At The End Of The Day“ sprang auf Anhieb von null auf Platz neun in die Charts, vorbei an Peter Maffay und Eric Clapton. Erfolg in der Musik beruht auf Talent, für diese Botschaft streitet der Trompeter auch in der Castingshow „X Factor“ bei Vox und RTL, wo er in der Jury neben Sarah Connor sitzt. Und nun hat Brönner auch noch, gemeinsam mit dem „FAS“-Feuilletonisten Claudius Seidl, ein Buch geschrieben. Es heißt „Talking Jazz“ und ist eine Mischung aus Liebeserklärung, Polemik und Autobiografie.

Sein eigenes Leben zum literarischen Stoff zu machen, für einen gerade einmal 39-Jährigen könnte das eine ziemlich anmaßende Haltung sein. Aber Brönner verzichtet auf jedes Heldenpathos und wählt lieber den Plauderton, er wirft sich mit Seidl die Bälle zu, wobei die Überschriften zwischen den kurzen Erzähl-Takes mal Fragen („Sind Saxofonisten Angeber?“) und mal Thesen („Meine Festplatte gehört mir“) sind. Und er kann bereits auf eine zwei Jahrzehnte lange Karriere zurückblicken, er galt als Wunderkind des deutschen Jazz, als er Anfang der neunziger Jahre eine Festanstellung bei der RIAS Big Band bekam und sein erstes Album „Generations of Jazz“ herausbrachte, bei dem der legendäre Bassist Ray Brown mitwirkte.

Zum Jazzfan ist Brönner vor dem Radio und dem Fernseher geworden. Sein Vater drehte das Gerät lauter, wenn Louis Armstrong spielte, später sah der Sohn Dizzy Gillespie bei „Bio’s Bahnhof“ und war begeistert. Auf der Schule war Brönner ein Außenseiter, weil er bei U2 oder David Bowie „keine Ahnung hatte, worum es ging“, stattdessen in einer Big Band spielte und sich „wie ein anonymer Alkoholiker“ vorkam. Als er in Köln für die Aufnahme ins Bundesjazzorchester vorspielte, brüllte der Leiter Peter Herbolzheimer bloß: „Sag mal, hast du überhaupt einen Smoking?“

Mit der RIAS Big Band begleitet Brönner Stars wie Harry Belafonte, Caterina Valente und Shirley Bassey, lernt aber auch die Abgründe des Showbusiness kennen. Bei Sendungen wie „Musik liegt in der Luft“ kommt die Musik vom Band, viele Kollegen interessieren sich schon längst nicht mehr für die Stücke, die sie spielen, und Bandleader Horst Jankowski flüchtet in Sarkasmen und den Alkohol. Nach acht Jahren steigt der Trompeter aus der Formation aus. Brönner hat erkannt, wie wichtig die Verpackung auch für einen Jazzmusiker ist. So waren die an Chet Baker gemahnenden Schwarzweißfotos, die Jim Rakete von ihm schoss, für seine Karriere vielleicht sogar wichtiger als die technische Perfektion des Trompetenspiels auf seinen Alben „Love“, „Blue Eyed Soul“ oder „Rio“, das er mit Produzent Larry Klein in Brasilien aufgenommen hat.

Genussvoll räumt Brönner mit den Klischees auf, die über den Jazz kursieren. Avantgarde? Für ihn seit der Bebop-Ära abgefrühstückt, er will lieber Platten machen, die „funktionieren“. Drogen als Stimulanz? „Jazz ist die Droge, wozu brauche ich noch andere?“ Seit sich Brönner von der reinen Lehre des Jazz abgewandt hat, wird ihm von Kritikern vorgeworfen, ein Weichspüler zu sein. Mit der neuen Platte „At The End Of The Day“ macht er es diesen Kritikern leicht. Er covert „And I Love Her“ von den Beatles und Bowies „Space Oddity“, sein Trompetenspiel ist brillant, der Gesang dünn. Damit käme Brönner bei keiner Castingshow in die Endrunde.

Till Brönner mit Claudius Seidl: Talking Jazz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 207 S., 18,95 €. – Das Album „At The End Of The Day“ ist bei Universal erschienen.

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