Kultur : Tilman Spengler im Interview: Wie ertragen Sie die feine Gesellschaft?

Herr Spengler[was bedeutet Elite für Sie?]

Tilman Spengler (54) lässt sich nicht festlegen: Er ist Wissenschaftler, Autor, Experte für Rückenleiden, Humorist und Redenschreiber des Bundeskanzlers. Sein Romandebüt "Lenins Hirn" machte den Sinologen 1991 bekannt: eine ironische Biographie des Berliner Nervenarztes Oskar Vogt, der 1925 in Moskau Lenins Gehirn auf Merkmale der Genialität untersuchte. 1996 beschäftigte er sich in "Wenn Männer sich verheben" mit schwatzhaften Intellektuellen. In seinem neuen Buch "Meine Gesellschaft" (Berlin Verlag) nimmt er in 62 kleinen Geschichten Eliten aufs Korn - und sich selbst natürlich auch.

Herr Spengler, was bedeutet Elite für Sie?

Das sind für mich die Leute, die gescheite Gedanken haben, bevor andere sie denken, oder an Gedanken festhalten, die die anderen für nicht mehr gescheit halten.

Der Hirnforscher Oskar Vogt, der Held Ihres ersten Romans "Lenins Hirn", nannte Elite eine Bedingung der menschlichen Existenz.

Ich sage das meistens etwas mümmelnder, dergestalt, dass der liebe Gott die wunderschönsten verschiedensten Blümchen in unseren Gärten wachsen lässt. Oder man muss den Elitegedanken von dem Gedanken der gesellschaftlichen Hierarchisierung trennen, ihn einfach verstehen als eine der vielfachen Möglichkeiten von Existenz, deren Legitimität auch in der Mobilisierung von Geschmack besteht. Wenn man das so fasst, ist man ideologisch aus der ersten, zweiten und dritten Danteschen Hölle relativ fein raus.

Ihre Gesellschaft ist eine sehr gemischte. Sie waren Tanzlehrer für angehende chinesische Diplomaten...

Meine Schüler erkenne ich daran, dass sie sich so demütig führen lassen.

Sie parlieren auf mallorcinischen Fincas über Dienstboten und Zahnersatz, sitzen in Bayreuth in der vierten Reihe...

Bei den Generalproben, weil das eben die Elite ausmacht, dass man nicht zu den Festspielen geht. Da sieht man dann die Leute auf den Knien herumrutschen für eine Karte, und unsereiner sagt, ach Gott, wie langweilig der zweite Akt vom "Siegfried" sein kann.

Wie halten Sie den aus?

In der Pause gibt es Bratwürste, und die Vorfreude auf thüringische Bratwürste lässt einen jede Oper aushalten. Am besten aber sind die halbgelungenen Aufführungen, denn die Pause dauert immerhin eine Stunde, und worüber will man reden, wenn eine Inszenierung ganz gelungen ist? "Gott, habt ihr gesehen, wie Waltraud Meier die Hand ganz einfach oben gelassen hat, im vorigen Jahr hat sie die Hand gedreht". Wenn man jedoch sagen kann, was hat sich der Flimm bloß dabei gedacht, und sieht auch noch einen schon etwas betagten Regieassistenten herumhüpfen - "Jürgen, soll Leuchte 24 wirklich während der ganzen ersten acht Takte an sein?" -, dann ist das Glück beinahe vollkommen.

Sie gelten als Balkanexperte...

Vergessen Sie nicht den Tischtennis-Virtuosen. Im Ernst: Als Balkan-Experte gilt, wer zwei oder drei Mal im Kosovo war. Aber ich hatte immer, wenn ich dort war, das Gefühl, das bist du, das ist dein Krieg. Die ganze Gegend ist ja so eine Wüstenrot-Gegend, diese Häuser, das sieht alles aus wie zerschossener Schwarzwald.

Wie wird man dann Redenschreiber für den Kanzler?

Ich habe hier und da ein wenig Formulierungskosmetik betrieben. Das kam natürlich durch meinen ehemaligen Verleger Michael Naumann, der sich gedacht hat, wenn er den Kanzler schon nicht selbst erziehen kann, will er ihn wenigstens mit Leuten umstellen, die in seinem Sinne auf ihn einwirken.

Gehört dazu ein gewisser Masochismus?

So hat alles angefangen. Meine erste Rede habe ich für den Verbandstrainer des bayerischen Schlittschuhverbands geschrieben, der für seinen Einsatz fürs Paarlaufen den Silbernen Schlittschuh bekommen sollte, und seine Tochter hat mich gebeten, ihm die Dankesrede zu schreiben. Derzeit arbeite ich an einem Stück: "Der Redenschreiber".

Ein kleiner Racheakt?

Nein, immerhin durfte ich, um seine Gunst zu gewinnen, mit dem Kanzler als Sogaku nach Japan und China fahren.

Was ist ein Sogaku?

Das Feinste überhaupt. Klingt erstens wie der Gürtel einer Kampfsport, und zwar ein ziemlich bedeutender, und zweitens ist man als Sogaku, Sondergast Kultur, protokollarisch hoch angesehen, ganz im Gegensatz zur Bewertung von Kultur in der deutschen Gesellschaft. Ich war im Flugzeug viel feiner platziert als ein Bundestagsabgeordneter, dessen Name so ähnlich klingt wie meiner, den ich natürlich nicht nennen kann...

der CSU-Abgeordnete und ehemalige Entwicklungsminister Carl-Dieter Spranger...

den ich namentlich nicht nenne, der aber dauernd versucht hat, sich an mir vorbeizumogeln. Wenn Sie das noch einmal versuchen, habe ich ihm gesagt, dann klaue ich Ihnen Ihren Haarfärber.

Wie fühlt sich ein Sogaku, wenn er am japanischen Hof zu einem Knopf wird?

Es weiß schließlich nicht jeder, wie er sich bei einem Essen mit dem Kaiser zu bewegen hat, deshalb erklärt ein Zeremonienmeister den Ablauf des Geschehens mit Hilfe einer Magnettafel. Darauf werden alle durch schwarze Knöpfe dargestellt, das ist egalitär, das ist demokratisch, nur der Kaiser, der Kronprinz und dessen jüngerer Bruder sind farbige Knöpfe.

Und der Kanzler?

Vermutlich war der leicht getönt. Oder gestreift. Ein Koalitionsknopf.

Ihre Karriere als Knopf ist so etwas wie ein Leitmotiv des Buchs. Oder auch ein Leidmotiv. Denn obwohl Sie überall dabei sind, scheint ein rechter Platz in den Eliten nicht für Sie vorgesehen.

Immerhin war der Kaiser von Japan so freundlich, mit mir zu reden, und bestens informiert über meine Abiturthemen. Allerdings endete, vielleicht wegen der Hast des Übersetzens, mein Lebenslauf auch beim Abitur. Dass ich danach viele Jahre Zeit hatte, mich für diesen Besuch zu qualifizieren, kam bei dem Gespräch nicht so deutlich heraus.

Sind Sie ein Hochstapler, auch im Tiefstapeln?

Man hat mir überall, in der Wissenschaft, in der Politik, der Journalistik, angemerkt, dass ich es einerseits so ernst nicht meine, um als Konkurrenz gefürchtet zu werden, und dass es andererseits immer noch gut ist, mit mir lachen zu können. Ich führe so eine Art Spaßvogel-Existenz, wozu die meisten Leute keine Zeit haben, vom Talent ganz zu schweigen. Das Buch ist ja auch eine Lobrede auf die Kunst, sich zu verzetteln.

Es geht nur um Geschichten, so heißt der erste Satz. Wobei Sie es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nehmen.

Der Wahrheitsgehalt einer Geschichte bemisst sich an ihrer literarischen Verwertbarkeit.

Im letzten Kapitel erzählen Sie von einer fünfbeinigen Kuh auf dem Starnberger See, dort, wo es einst den König Ludwig ins Wasser getrieben hat.

Das ist mein Lieblingskapitel und eine Hommage an Federico Fellini und den Film "E la nave va", wo ein Nashorn ausgesetzt wird. Mein Credo ist eben, dass Geschichten verzaubern. Außerdem ist es fast schon stalinistisch, 180 Seiten über sich selbst zu erzählen, da muss man sich am Ende gewaltig aus dem Staub machen. Sonst denken die Leser noch, der nimmt sich ernst.

Sie erzählen ausführlich von Ihren Naziverwandten, Ihrem Großvater Paul, Ihrem Onkel, dem Maler, dessen Bilder im Teehaus des Führers hingen...

Zwei meiner Bücher haben das Malen zum Gegenstand. Der Onkel konnte eigentlich nicht malen, doch er beherrschte die Kunst der Illusion. Auf seinen Bildern hat er Kriegsverletzte derart in ein Kornfeld platziert, dass er die Füße, die nicht mehr da waren, nicht malen musste. Und dem Großvater Paul, der in meinem Alter in kurzen Hosen herumlief, um zu demonstrieren, dass er für die Hitler-Jugend geeignet sei, werde ich mit den Jahren physiognomisch immer ähnlicher. Da beginnt man, ganz ohne die genetische Debatte im Kopf, nachzudenken, wenn man in den Spiegel guckt. Wahrscheinlich bin ich nur deswegen ein so liebenswürdiger Mensch geworden, um so wenig wie möglich von diesem Kerl zu haben.

Die 68er kommen nur mit einer Pointe vor. Demnach haben Sie Ihre Unschuld in der Nacht verloren, als die Russen in Prag einmarschierten.

Immerhin habe ich mit Wim Wenders zusammen die Springer-Presse in München zum Erliegen gebracht. Ich erinnere mich noch, wie Wim damals einem Polizisten einen Papierkorb über den Kopf stülpte, andere warfen Bilder und Pflanzen aus dem Fenster. Und ich dachte, gegen Springer kann man machen, was man will, aber diese Pflanzen haben nichts damit zu tun, die habe ich dann aufs Damenklo gebracht, weil ich glaubte, Frauen sind nicht so militant und schmeißen mit Blumen. Das war mein Beitrag zur Springer-Blockade, das Sichern der Zimmerpflanzen.

Vermutlich haben Sie es deswegen auch nie zur Mitgliedschaft in der Empörungs-Elite gebracht.

An diesen Virtuosen muss man scheitern. Wenn Handke für Serbien ist und wir sind dagegen, dann sind die schon gar nicht mehr für Handke, sondern gegen seine Kritiker, weil die die falschen Argumente haben. Mit Walser ist es genau das gleiche. Für diesen doppelten Auerbach der moralischen Empörung bin ich zu schwerfällig.

Sie haben seit 20 Jahren einen Wohnsitz in Berlin. Was hat sich geändert? Gibt es eine neue Berliner Gesellschaft?

Es gibt natürlich noch immer die klassische Kranzler-Gesellschaft, und die wird es in 120 Jahren noch geben, man erkennt sie an den Pelzen und diesen interessanten Schühchen, dem merkwürdigem Lackwerk an den Füßen. Und dann gibt es, das ist mir eigentlich die liebste, jene Gesellschaft, die sich durch diesen beständigen Tschechowschen Kirschgarten-Druck auf Berlin gebildet hat, die angenehm vor sich hinmodert, und das soll auch so bleiben. Ansonsten sind in Berlin die Rollen noch nicht ganz festgeschrieben, die Revierhatzen noch nicht im Gange, und das gefällt mir.

In welchen Kreisen verkehren Sie mit Vorliebe?

Es gibt die fünf oder sechs Trinkstellen, oasenhaft über die Stadt verbreitet, und da hängt es davon ab, wer einlädt, der Verleger oder der Redakteur. Wenn die obere Schicht der Ministerialbürokratie einlädt, setzt die sich manchmal gewaltig über die Spesengrundlagen hinweg, aber das soll man nicht so laut sagen, weil dann die Preise in dem betreffenden Lokal noch höher werden. Und das muss dann über die Steuer wieder reingeholt werden.

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