Tim Burtons Corpse Bride : Leben unter der Oberfläche

Tim Burton zeigt mit "Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche", dass großes Puppenkino keine Computer braucht, um zu faszinieren.

(Der Tagesspiegel Online, 31.10.2005)

- Der Ausnahme-Regisseur Tim Burton hat mit seinem zweiten Film in diesem Jahr wieder einmal ein Meisterwerk entgegen aller Trends abgeliefert. Wer gedacht hatte, die Zukunft des Trickkinos liege in aufwändigen Computeranimationen, wird mit "Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche" eindrucksvoll eines Besseren belehrt.

Unzweifelhaft: dieser Film ist ein echter Burton. Mit "Corpse Bride" knüpft der Regisseur nahtlos an märchenhafte Stücke wie "Edward mit den Scherenhänden" oder "Sleepy Hollow" an - sowohl durch die düster-melancholische Geschichte, als auch durch seinen langjährigen Mitstreiter Johnny Depp, der der Hauptfigur Victor diesmal seine Stimme leiht. Und damit - ohne überhaupt in Erscheinung zu treten - wieder einmal die gesamte Szenerie bestimmt. Es ist schwer zu sagen, ob Depp dem schüchternen Victor gleicht oder umgekehrt; wer die Puppe aus Silikonschaum sieht, wird unweigerlich den ungelenken aber herzensguten Edward vor Augen haben, der letztlich an seiner feindlichen Umwelt scheitert.

Ganz ähnlich in "Corpse Bride": Für Prestige und einen guten Namen soll der zurückhaltende Victor an die schöne Victoria verheiratet werden, obwohl sich beide nie zuvor gesehen haben. Allerdings stellt er sich bei der Generalprobe derart dämlich an, dass ihn der genervte Pastor (gesprochen von Christopher Lee) zum Üben in den Wald schickt. Dort kann Victor zwar nach kurzer Zeit sein Sprüchlein aufsagen, gerät aber unversehens in die Fänge der Leichenbraut (gesprochen von Helena Bonham Carter), die ihn mit ins Totenreich hinunter zieht.

Das Leben der Leichen unter der Erde - und hier zeigt sich erneut der typisch schwarze Humor des Tim Burton - erweist sich indes als überraschend lebendig: Die Kneipen schließen nie, es gibt Tanz und Trubel und das streng reglementierte Leben der Oberfläche macht farbenfroher Anarchie Platz. Kein Zweifel: Diese Leichen sind lebendiger als alles, was Victor jemals an der Oberfläche begegnet ist.

Die Geschichte ist einem russischen Volksmärchen entlehnt, das von der versehentlichen Vermählung eines glücklosen Mannes mit einer Toten erzählt. Der Plot regte Burton an - er arbeitete zehn Jahre, um ihn auf die Leinwand zu bringen.

Am Ende muss sich Victor, der bislang nie selbst aktiv wurde, entscheiden: Leichenbraut und bunte Unterwelt oder Victoria und das Leben an der grauen Oberfläche.

Die üblichen Verdächtigen

Neben der Zusammenarbeit mit Johnny Depp, der spätestens mit "Corpse Bride" zum Inventar der Burton-Filme gehört, setzt der Regisseur wieder auf seinen Freund Danny Elfman. Der Komponist, der bereits seit Burtons erstem Film mit von der Partie ist, singt diesmal sogar selbst, und zwar in der Figur des Katzengerippes "Bonejangles" in der Kneipe "Ball and Socket" (Kugelgelenk). Alle anderen Songs, die im Totenreich bisweilen schräg und laut daher kommen und mit Rot, Lila und Gelb hinterlegt sind, gehen ebenfalls auf Elfman zurück.

Helena Bonham Carter, die in der Rolle der Leichenbraut wiederkehrt, ist ebenfalls eine alte Bekannte: Sie dürfte den meisten noch als Mrs. Bucket aus "Charlie und die Schokoladenfabrik" in Erinnerung sein, der im Sommer in die Kinos kam. Den Charakter der traurigen Leichenbraut füllt sie ebenso perfekt aus wie Depp den des Victor van Dort, was auch daran liegen mag, dass erst anhand der Tonschnittfassung Sets und Puppen gebaut wurden. Die Schauspieler haben damit einen entscheidenden Anteil an der Persönlichkeit der Figuren; sie geben die Atmosphäre des Films vor.

It's a real puppet, stupid!

Zwei Frauen, ein Mann; Leichen, die tanzen: Auf den ersten Blick scheint die Handlung so überschaubar wie traditionell. Ganz anders die Arbeit mit Puppen, die Burton nach Jahren am Set einmal als "Tortur" beschrieb. Herausgekommen sind Figuren als dünnem Silikonschaum, die mit Recht das Etikett High-Tech verdienen - und das ganz ohne aufwändige, aber wohl billigere Computeranimationen. Während im Land der Lebenden die Gesichert blank poliert, fast übertrieben genau wirken, treibt es Burton mit der Leichenbraut auf die Spitze, deren löchriges Gewand immer im Wind zu flattern scheint.

"Sie funktionieren tatsächlich wie lebende Wesen", erklärt Burton, und spielt damit auf den komplizierten Mechanismus in den Köpfen der Puppen an, der mit Hilfe von winzigen Sechskantschlüsseln in Gang gesetzt wird, um Mimik, Gestik und Ausdruck der Handlung genau anzupassen. Sogar die Augenbewegungen erscheinen so präzise, dass sich der Zuschauer immer wieder selbst dabei ertappt, die Figuren als sauber programmierte Computeranimationen zu bewundern. (Von Jörg Vogler)

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