Tim Gane und sein Album "Void Beats/Invocation" : Wo die Wellness wohnt

Berühmt wurde Tim Gane mit seiner Band Stereolab. In Berlin wollte der Brite zur Ruhe kommen – und macht doch wieder Elektropop.

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Im Ruheraum. Tim Gane zog vor elf Jahren von London nach Berlin.
Im Ruheraum. Tim Gane zog vor elf Jahren von London nach Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Tim Gane ist übermüdet. Mit seiner Band Cavern of Anti-Matter war er gerade auf einer kleinen Tour durch Frankreich. Außerdem galt es, Werbung für das neue Album „Void Beats/Invocation Trex“ zu machen. Dafür ging es auch in seine alte Heimatstadt London. Der Besuch sei ein kleiner Schock für ihn gewesen, sagt der 51-Jährige. Hektisch sei es dort zugegangen, die Leute unter Strom und unnahbar. Hier jedoch, in Berlin, ginge es glücklicherweise immer noch vergleichsweise entspannt zu. Er scheint froh zu sein, wieder in seiner neuen Heimat mitten im beschaulichen Teil des Prenzlauer Bergs seinen Kaffee Latte in einer hippen Bar trinken zu können, in der hinter dem Tresen sogar ein Plattenspieler aufgebaut ist.

Gane ist nach Berlin gezogen, um Ruhe zu finden. Ein wenig so, wie einst David Bowie und Iggy Pop. „Vor elf Jahren war das“, sagt er, als erschrecke er ein wenig darüber, wie lange das her ist. Damals flüchtete er auch ein wenig hierher, die Beziehung mit seiner Bandkollegin Laetitia Sadier war in die Brüche gegangen. Die beiden hatten Stereolab gegründet, eine bis heute wegweisende Band, die Elektronik mit Rock verband, bevor das erst hip und dann selbstverständlich wurde. Seither gelten sie als eine der ersten Bands, die man dem Genre Postrock zuordnet.

Stereolab machten etwas, was man Plattensammlermusik nennt: Sie stellten ihre Referenzen und ihren avancierten musikalischen Geschmack bewusst aus. Die Verweise reichten von Krautrock über Sixties-Psychedelic bis hin zu Easy Listening und Burt Bacharach. Heute, wo dank des Internets jeder leicht Zugang zu obskurer Musik aus dem Archiv hat, ist es nichts Besonderes mehr, wenn junge Musiker aus Brooklyn als größten Einfluss eine seltsame Seventies-Band aus Deutschland benennen. Als Stereolab begannen, damals vergessene Acts wie die Silver Apples oder Esquivel zu preisen, wirkte das hingegen noch ziemlich originell. Vor sechs Jahren wurde das Projekt auf Eis gelegt. Stereolab haben sich jedoch nicht aufgelöst, sie machen eine Pause.

Tim Gane war nach dieser Entscheidung erst mal abgetaucht. „Ich habe es genossen, vor allem nichts zu tun in Berlin“, sagt er. Der Musiker ist bislang kaum auffällig geworden in der Stadt, hat bloß eine Zeit lang in der 8-MM-Bar in Mitte Platten aufgelegt, aber diesen Job übernahm beinahe jeder Expat, der frisch nach Berlin gezogen ist, eine Weile lang.

Gane ist ein Vinyl-Fan, der auch heute noch lieber Platten hört als CDs oder Streams

Erst vor drei Jahren begann Gane damit, ernsthafter ein musikalisches Leben nach Stereolab auszuprobieren. Er hat seinen Gerätepark entstaubt, die alten Drummaschinen, die Vintage-Orgeln, und sogar mal wieder zur Gitarre gegriffen. Weitgehend im Alleingang spielte er dann das erste Album von Cavern of Anti-Matter ein. Um die Musik sinnvoll live präsentieren zu können, holte er Joe Dilworth, einst Drummer von Stereolab und inzwischen ebenfalls in Berlin lebend, an Bord und mit Holger Zapf einen zweiten Mann, der etwas von Analogsynthesizer versteht.

So wurde aus dem Projekt doch noch eine richtige Band, deren Album „Void Beats/Invocation ein opulentes Werk geworden ist. Über 70 Minuten Spielzeit, Dreifach-Vinyl, was man in diesem Falle genau so sagen muss, da Gane ein Vinyl-Fan ist, der auch heute noch lieber Platten hört als CDs oder Streams. Sogar in den neunziger Jahren, als das Format praktisch tot war, veröffentlichte er mit Stereolab Vinyl-Singles und zwar endlos viele davon. „Seit ich 13 Jahre alt bin, gab es nur zwei Wochen in meinem Leben, in denen ich keine Platte gekauft habe“, sagt er. Cavern of Anti-Matter knüpfen dort an, wo Stereolab aufgehört haben. Die Sounds von zig Maschinen werden verdichtet und miteinander verwoben, die Musik wabert und wird doch nach vorne getrieben.

„Motorik“ nennt man diesen Effekt, wenn alles pulst und scheinbar schwebend und endlos voranschreitet. Der Begriff stammt von der deutschen Krautrockband Neu!, die Gane über alles liebt. Was Cavern of Anti-Matter da machen, ist ziemlich experimentell, hört sich aber nicht so an. Da quietscht nichts oder tut in den Ohren weh, sondern man kann sich einfach treiben lassen von diesen elektronischen Zauberstücken, die gerne auch mal zehn Minuten lang sein dürfen.

In der alten Band schimmert die neue durch

Dunkler klingen Cavern of Anti-Matter allerdings im Vergleich zu Stereolab. Noch elektronischer, Easy Listening fällt weg und vor allem der Gesang von Laetitia Sadier, der aus dem verstahlten Soundgeflirre von Stereolab immer wieder strahlende Popsongs machte. In manchen besonders an Stereolab erinnernden Momenten erwartet man geradezu, dass eine Stimme hinzukommt – aber das Stück geht dann rein instrumental weiter.

Tim Gane hält es für logisch, dass seine alte Band in seiner neuen durchschimmert. „Es ist ja derselbe Songwriter, der hier arbeitet.“ Auch personell werden Bande in alte Zeiten gestrickt. Neben dem Schlagzeuger von einst sind auch Gäste an dem neuen Album beteiligt, mit denen bereits Stereolab zusammengearbeitet haben, Jan St. Werner von Mouse on Mars oder Sean O’Hagan von den High Llamas.

Das Finstere, die Kühle, sind das typische Berliner Elemente, mit dem sich die Band vom Quietschbunten bei Stereolab emanzipiert? Schleicht sich da der Einfluss der Einstürzenden Neubauten und des Berghains in die Musik? Viele wollen das von ihm nun wissen, sagt Gane, aber er könne mit diesen Zuschreibungen nichts anfangen, das seien für ihn unbrauchbare Klischees. Er fühlt sich ja wohl und nicht entfremdet in Berlin. Als Ausdruck seines neuen Lebens im idyllischen Prenzlauer Berg lässt sich die schwarz-graue Klangmaterie von Cavern of Anti-Matter also kaum deuten. Eher noch: als trotzige Reaktion darauf.

„Void Beats/ Invocation Trex“ ist bei Duophonic/Rough Trade erschienen. Konzert: Berghain Kantine, 11.3., 21 Uhr