Kultur : Tim Giesecke macht leichte, weiche, junge Kreationen aus Pelz

Nina Peters

Mittwochs verkauft Tim Giesecke vorwiegend Lammfell- und Lederkleidung. Mittwoch ist nämlich Köpenicktag. Damit Giesecke den Bezug zu seiner Köpenicker Kundschaft nicht verliert, steht er einmal in der Woche in seinem Ost-Berliner Laden. Anfang dieses Jahres ist er mit seiner Werkstatt in den Westen gezogen und hat einen zweiten Laden eröffnet. "Natürlich sind wir ganz bewusst nach Wilmersdorf gegangen." Hier gehen das Cocktailkleid aus Pelz oder der Kaschmirpullover mit Nerzkragen schon schneller über die Theke als in Köpenick.

Wenn es nach ihm ginge, dann gäbe es zum Kapitel Ost- und West-Berlin nicht mehr viel zu sagen. Er schaut sich in seinem Laden um. Was zählt, ist das, was er zu bieten hat. Auf dem Tisch liegt ein kleiner Pelzwams, eine moderne Adaption der Ritterrüstung im Kampf gegen die Kälte. Der "Bodymuff", wie Giesecke das verspielte Kleidungsstück auch nennt, ist in Zusammenarbeit mit der Designerin Anna von Griesheim entstanden. Daneben hängen wunderbar leichte Kurzmäntel aus russischem Zobel - da könnten selbst Pelzgegner zögern.

Gieseckes fein geschorene Felle widerlegen das Vorurteil, dass ein gestandener Pelzmantel "Festtagsbratencharakter" haben müsse. Das liegt zum einen an den ungewöhnlichen Schnitten, zum anderen an den vielfältigen Materialkombinationen, die in Zusammenarbeit mit von Griesheim oder ZAPA entstehen. Hi-Tech Nylon oder gekochte Wolle, mit Pelz kombiniert, erzeugen ganz neue Optiken: weich, leicht, jung. Demnächst soll in der Werkstatt mit Wolle gestrickt werden. Wie das funktioniert? "Das wird nicht verraten", sagt Giesecke, grinst und schenkt Wasser nach, was er gerne tut, wenn er ein Thema beendet.

Seine Urkunden sind zahlreich; neben einer steckt das Bild seiner einjährigen Tochter, auf die der sonst eher zurückhaltende Vater sichtlich stolzer ist als auf den ganzen Rest. Und wie war das vor 1989? Damals gab es weniger Preise, dafür höhere Steuern. "Die Pelze wurden staatlich verkauft. Besondere Materialien gab es selten." Familie Giesecke war eine richtige Kürschnerdynastie. Großvater, Mutter, Vater, alles Kürschner. Der Sohn war zunächst ein umtriebiger Lehrling, der dann bald Verantwortung bekam. 1992 übernahm Giesecke den Laden des Vaters in Köpenick. "Obwohl mir damals alle abgeraten haben. Denn die ehemalige Kundschaft, die früher Geld hatte, ist jetzt nicht mehr da. Und teuer sind wir schon. Schließlich produzieren wir selbst."

Nein, billig ist das Wieselfellkleid nicht: 4800 Mark. Da stecken einige Wiesel drin. Bei diesem Thema wird Giesecke deutlich: "Fell ist ein Geschenk der Natur, und das sollten wir auch annehmen." Sein Großvater hatte früher noch seine eigene Kaninchenzucht, damals, als die Steuern so hoch waren. Heute bestellt der Enkelsohn die Felle aus aller Welt. Vielleicht interessieren ihn diese Ost-West-Geschichten auch deshalb nicht mehr. "Man muss über den Tellerrand hinausgucken", sagt er. Und schenkt noch einmal das Glas voll.

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