Kultur : Tim Staffel - Hirn mit Soße

Kai Müller

Er sitzt, schmale Schultern, wippende Füße, auf einem Barhocker und liest vor. Seine helle Stimme hat den etwas aufgeregten Tonfall eines jungen Mannes, der Freunden eine unglaubliche Geschichte erzählen will. Und tatsächlich wirkt vieles zunächst wenig glaubhaft: Ein Banküberfall steht an, Marvin und Tizian sitzen im Auto und streiten sich, weil Marvin plötzlich den Mut verliert, beim Durchschreiten der Drehtür löst sich sein aufgeweichtes Hirn in seine Bestandteile auf, und was immer auch danach geschieht, findet ohne seine Beteiligung statt. Man könnte Tim Staffel für einen Sänger halten - oder jedenfalls für einen Popstar. Hinter ihm eine Band, die seine Drogenträume, rasanten Dialoge und Autofahrten mit schweren, lässigen Akkorden untermalt. Es ist genau die Art von Musik, die man im Autoradio hören will, während auf eine Leinwand genau die Bilder geworfen werden, die man dann auch sehen würde. Staffel, der sich bei der Lesung seines neuen Romans "Heimweh" (Volk und Welt) in der Volksbühne von seinen "Friends" begleiten lässt, hat ein literarisches Roadmovie geschrieben. Und wie immer, wenn der Weg das Ziel ist, Stimmungen und Eindrücke wichtiger werden als die Logik der Handlung, gewinnt die Sache, wenn man sich den eigenen Gedanken überlässt. So ist das Erstaunen Marvins, des Epileptikers, darüber, "was hier abgeht", dem eigenen Unverständnis auf eine angenehme Weise ähnlich. Obwohl man schon gerne genauer wissen möchte, ob der paranoide, gewalttätige Grundton in Staffels Outlaw-Epos einer zum ruppigen Szene-Jargon aufgeschäumten Sprachlosigkeit und geistigen Leere entstammt oder haargenau jenes Gemeinschaftsgefühl trifft, nach dem sich großstädtische Einzelkämpfer sehnen, wenn sie "Heimat" denken.

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