Kultur : Tim und Struppi: Der Fall Hergé

Als der berühmteste Reporter der Welt 1930 in Afrika eintraf, wurde ihm ein begeisterter Empfang bereitet. "Hoch Tim!", "Hoch Struppi!", "Hoch Tim und Struppi!", jubelten die Einheimischen am Hafen ihren beiden prominenten Besuchern zu: dem Knickerbocker-Journalisten und seinem treuen Terrier. Diese Einheimischen hatten Ringellocken und Wulstlippen, sie trugen Lendenschürze, Speere und Federkronen, denn so stellte man sich damals in Europa den Schwarzafrikaner vor. "Tim im Kongo", 1930/31 zunächst als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht, lässt kein Klischee aus. Bis 1959 war der Kongo belgische Kolonie, entsprechend kolonial ist das Afrika-Bild in Tims Comic-Abenteuer. Die Weißen treten als Herren auf, die Schwarzen erscheinen in der Rolle von Quasi-Kindern. Sie stammeln ein ulkiges Primitiv-Idiom ("Ich nicht krank. Ich gehen auf Jagd!"), sind nicht in der Lage, gerade Bahngleise zu verlegen, und glauben an allerlei Voodoo-Schnickschnack. Selbst Struppi sprechen sie mit "Massa" an.

Wie rassistisch sind Tim und Struppi? In Brüssel ist gerade ein Buch über den Tim-und-Struppi-Schöpfer Hergé erschienen, das mit dem Zeichner und seinen Helden abrechnet. Längst gelten Tim und Struppi, deren Geschichten sich weltweit über 165 Millionen mal verkauft haben, als Aushängeschilder einer sympathischen belgisch-französischen Nationalkultur: so liebenswert wie lässig. Maxime Benoit-Jeannin versucht, sie mit seiner Streitschrift "Le mythe Hergé" (Edition Golias) vom Sockel zu stoßen. Dass Hergé während der deutschen Besatzung für das Kollaborateursblatt "Le Soir" gearbeitet hat, ist lange bekannt, deshalb wurde er nach dem Krieg auch verhaftet. Benoit-Jeannin legt nun nach. Er hat in den Kriegsausgaben von "Le Soir" nach Belastungsmaterial gegen Hergé gesucht und wurde fündig. Da kämpft Tim gegen eine Weltverschwörung krummnasiger Wallstreet-Plutokraten, einer von ihnen heißt "Blumenstein" (nach dem Krieg dann bloß noch "Bohlwinkel"), und in der Episode "Der geheimnisvolle Stern" gibt es einen Weltuntergangsstern, der an den Davidstern erinnert. Hergé: nicht bloß Rassist, sondern auch Antisemit.

Doch jetzt springt ein prominenter Verteidiger für Hergé und Tim in die Bresche. Michel Serres, Pariser Philosoph und Mitglied der Académie française, hat auf einer ganzen Seite in der FAZ begründet, warum er allen Enthüllungen zum Trotz ein Tintinologe bleibt. Serres ist 1930 geboren, er hat Hergés Geschichten am Vorabend des Zweiten Weltkriegs für sich entdeckt. "Wir Kinder sprachen über die Abenteuer; wir wollten alle zu den Arumbayas aufbrechen, mit einem Kanu auf der Garonne. Niemals wären wir auf die Idee gekommen, diese Zeichnungen mit den Dramen, die sich um uns herum begaben, in Verbindung zu bringen. Wir wohnten in diesen Geschichten wie andere Kinder in ihren selbstgebauten Waldhütten." Nicht als rassistischen Eiferer will Serres den Erfinder der "ligne claire" verstanden wissen, er sieht in ihm im Gegenteil einen verdienten Pädagogen. "Tim hat meine Generation die Toleranz gelehrt, die Freundschaft zu jenen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, nicht derselben Religion huldigen, nicht in derselben Kultur leben."

Große Künstler sind nicht automatisch auch gute Menschen. Rimbaud verdiente Geld im Sklavenhandel, Brecht kuschte vor Stalin, Knut Hamsun vergötterte Hitler. Hergé war ein Opportunist: Er hatte keine Skrupel, seine Karriere auch unter den Nazis fortzusetzen. Seine "Tim und Struppi"-Geschichten darf man trotzdem weiter lesen - ohne schlechtes Gewissen.

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