Kultur : Time of the Gypsies

Schlechte Nachricht: Die „Heimatklänge“ dauern nur 5 Tage. Gute Nachricht: Sie finden wieder im Freien statt

Roman Rhode

Dunkle Wolken über den „Heimatklängen“: Das Festival wartet in seiner 16. Ausgabe nur noch mit einem Blitzprogramm auf. So erstrecken sich die Konzerte nicht mehr über mehrere Wochen, sondern konzentrieren sich auf fünf Tage. Ein Grund dafür liegt in der Streichung der Senatsförderung. Doch schon im letzten Jahr blieb das große Publikum aus: Höhere Eintrittspreise und das nüchterne Tempodrom als Veranstaltungsort hatten eine eher abschreckende Wirkung. Immerhin ziehen die „Heimatklänge“ jetzt zum Kulturforum am Potsdamer Platz, also wieder ins Freie. Dort kostet der Eintritt ganze fünf Euro. „Das ist fast umsonst. Und wenn der diesjährige Blitz bei Publikum, Medien, Freunden und Förderern einschlägt, gibt es ab 2004 wieder das volle Programm über sieben Wochen“, sagen die Veranstalter. „Gypsy“, das aktuelle Thema, klingt jedenfalls viel versprechend.

Zwar gab es bereits vor zwei Jahren eine Tour, die unter dem Titel „The Times of the Gypsies“ Zigeunermusiker aus Spanien, Mazedonien, Rumänien und Rajasthan gemeinsam auf die Bühne brachte. Aber die „Heimatklänge“ präsentieren mehr als nur fünf Bands an fünf aufeinander folgenden Tagen. Sie stecken die historische Wanderroute der Nachkommen jener nordwestindischen Volksgruppe ab, die sich ursprünglich „Secanen“ nannten. Und stellen einige Neuentdeckungen vor. Zum Beispiel die Mahala Raï Banda aus der rumänischen Walachei, einem Gebiet, in dem slawische, maghrebinische, osmanische und alteuropäische Kultureinflüsse bis heute spürbar sind. Anders als die meisten bodenständigen Musiker war das „fahrende Volk“ mit seinen vielen Namen – Sinti, Roma, Kalé, Tsigani – von jeher in der Lage, nicht nur lokale Stile, sondern auch fremde Klänge ihrer Spielart anzupassen: Spuren einer Odyssee am Rande Europas und der islamischen Welt. Deshalb ist auch die Mahala Raï Banda weder eine Blas- noch eine Folk-Kapelle. Flirrender Orient auf dem Akkordeon oder markige Bläser-Riffs aus der Karibik? Anything goes.

In einem Lied von Jony Iliev, einem bulgarischen Sänger, der mit seinem Sextett durch die Vorstadtclubs Sofias tingelt, heißt es: „Einsam ziehe ich umher / Ich bin ein Kind der Zigeuner / Die Erde ist meine Mutter / Und die Sonne mein großer Bruder.“ Sein traditionelles Lebensgefühl bringt Iliev auch im Jazz- oder Pop-Gewand zum Ausdruck. Und der serbische Trompeter Boban Markovic, der für Emir Kusturicas Film „Underground“ den Soundtrack eingespielt hat, zeigt mit seinem elfköpfigen Blas-„Orkestar“, dass der Gypsy-Groove so funky wie die Hölle klingen kann. Zigeunermusiker erweisen sich allerdings auch fernab vom Balkan als unerschrockene Global Players. So schlagen Tekameli aus dem südfranzösischen Perpignan eine Brücke zwischen Rumba Catalana, protestantischem Chorgesang und Raï. Und selbst das Ensemble Musafir aus dem indischen Rajasthan, dem Ursprungsgebiet der Zigeuner, ist stark durch die Lehrjahre ihres Leiters Hameed Khan in Paris beeinflusst. Dennoch gibt es bei allen Gypsy-Musikern einen gemeinsamen Nenner: fröhliche Leidenschaft, Besessenheit, Tragik – und Virtuosität an den Instrumenten. Zum Blitz gehört eben auch der Donner.

Kulturforum Potsdamer Platz, Eröffnung am Mittwoch mit der Band „Tekameli“, bis Samstag täglich um 21.30, So 18 Uhr.

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