Timm Ulrichs : Begrabt mein Herz am Blauen See

Visionär und „erstes lebendes Kunstwerk“: Der Documenta-Star Timm Ulrichs wird 70.

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Memento mori. Timm Ulrichs präsentiert bereits im September 1975 im Kunstverein Braunschweig seine eigene Grabstätte. -Foto: dpa

Auch wenn sich Timm Ulrichs schon längst sein eigenes Grab geschaufelt hat, ist der Künstler ziemlich agil. So schrieb er im letzten Herbst einen Brief an die Berliner Kunst-Werke und beschwerte sich bitter über eine Installation von Ceal Floyer, deren Zettelsammlung aus dem Schreibwarenladen einer frühen Arbeit von Ulrichs überaus ähnlich sah. Seine giftige Frage, ob Floyer nun ein appropriation artist sei und damit bewusst die Ideen anderer Künstler kopiere, ist berechtigt. Andererseits müsste Ulrichs, der seit den sechziger Jahren die Konzeptkunst in allen Spielarten vorantreibt, seinen Besitzanspruch auf geistige Autorenschaft dann auf zahllose Arbeiten der Gegenwart ausdehnen. Als „Totalkünstler“ hat er so ziemlich alles, was mit Körper und Alltag zusammenhängt, in den künstlerischen Kontext gebracht.

Der eigene Körper ist ein wiederkehrendes Thema im Werk des gebürtigen Berliners. In Hannover, wo Ulrichs bis heute lebt, studierte er Architektur und beschäftigte sich mit der Relation zwischen Mensch und Raum. 1966 endete dieses Experiment. Da hatte Ulrichs sich bereits zum „ersten lebenden Kunstwerk“ erklärt, „Selbstausstellungen“ in einem Glaskasten organisiert – und eine Eintragung ins Musterregister beim Amtsgericht Hannover als „lebendes Kunstwerk“ erreicht.

Wo er nicht anwesend sein kann, müssen Fotografien genügen. Zwei Aufnahmen der „weißen Flecken meiner Körperlandschaft“ von 1968 markieren Stellen wie das Kinn oder den Rücken, die Ulrichs nicht ohne Hilfsmittel anschauen kann. Und das „Kopf-Stein-Pflaster“ (1980/1994) in Hannover setzt einen missverständlichen Begriff skulptural um: Ein Stück des Schiffgrabens ist mit steinernen Köpfen gepflastert, die alle dem Künstler ähneln.

Früh hat Ulrichs sich mit konkreter Poesie beschäftigt, der leise Wortwitz taucht immer wieder auf. 1975 trug der Künstler in der Performance „Ich kann keine Kunst mehr sehen“ eine Blindenbinde und einen weißen Stock. In der sinnbildhaften Paradoxie des Satzes verbarg sich ein ernstes Anliegen: Ulrichs geißelte jene Kunst, die sich seiner Ansicht nach aus dem Leben verabschiedet hat. Belohnt wurde der kritische Diskurs 1977 mit einer Einladung zur 6. Documenta in Kassel.

Momentan ist es ruhiger geworden um den emeritierten Professor, der bis 2005 an der Staatlichen Kunstakademie in Münster lehrte. Dabei reiht seine Biografie eine Auszeichnung an die nächste: 1985 gab es den Karl-Ernst-Osthaus- Preis der Stadt Hagen und den Will-Grohmann-Preis der Akademie der Künste, 1988 ehrte ihn der Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Im letzten Herbst bekam er für die Installation „Versunkenes Dorf“ in Fröttmaning den Mfi-Preis für Kunst am Bau. Und was ist nun mit dem Grab des Künstlers, der heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert? Es resultiert aus einem Projekt, das der Künstler Harry Kramer in den achtziger Jahre begonnen hat. Ausgewählte Documenta-Teilnehmer dürfen sich rund um den Blauen See auf dem Kasseler Friedhof bestatten lassen und schon zu Lebzeiten ein Monument dafür entwerfen. Christiane Meixner

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