Kultur : Tina Engel im Gespräch: Die Fronten verlaufen im eigenen Kopf

Sie sind im neuen Stück der englischen Dramat

Sie sind im neuen Stück der englischen Dramatikerin Caryl Churchill zu sehen - an der Schaubühne. Ist das eine Rückkehr?

Für diese Inszenierung - ja, natürlich!

Als sich das alte Schaubühnen-Ensemble verabschiedete, klang viel Bitterkeit durch.

Ja, aber das galt nicht dem neuen Leitungsteam. Verbitterung löste der Vorgang als solcher aus. Ich habe das damals nicht empfunden. Ich hatte das Gefühl, dass der Wechsel schon früher hätte stattfinden müssen. Die Schaubühne, die jetzt zu einer Legende gemacht wird, existierte längst nicht mehr.

Haben Sie gezögert, als Ihnen die Rolle angeboten wurde?

Ich finde das Stück sehr interessant - auch wenn ich es beim ersten Lesen überhaupt nicht verstanden habe. Ich schätze auch den Regisseur Falk Richter.

Sie werden auch heute noch als Schaubühnen-Protagonistin gesehen. Nervt Sie das?

Ja, manchmal. Das Haus hat aus mir gemacht, was ich bin oder was ich noch werden möchte, aber ich habe meine Identität nicht allein aus der Schaubühne gewonnen.

In Thomas Ostermeiers Ensemble finden sich keine Stars. Werden sie als Diva gefürchtet?

Nein, überhaupt nicht. Das hat es am Anfang bei uns auch nicht gegeben. Die prägenden Persönlichkeiten sind in dem Ensemble gewachsen und wurden mit der Zeit zu Stars. Das wird sich hier auch herausbilden - wenn es diese Persönlichkeiten gibt!

Wie erleben Sie den Generationswechsel im Theater?

Damals traten Regisseure wie Peter Stein ein schreckliches Erbe an. Sie mussten sich von der Väter-Generation distanzieren - mit Auflehnung, mit Revolte und scharfer Kritik. Überall tauchten damals die zornigen jungen Männer auf. Die Regisseure wollten dem Bürgertum das Theater erstmal entfremden. Also: Die Väter aus dem Theater rausschmeissen. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich eine Inszenierung wie "Der Prinz von Homburg" verstehen. Und gleichzeitig manifestierte sich ein kritischer und analytischer Intellekt. Das müssen die jungen Regisseur heute nicht mehr leisten! Deshalb unterscheiden sie sich vollkommen von den Jungregisseuren damals.

Falk Richter hat mit "Peace" auch als Autor untersucht, wie der Balkan-Krieg auf unsere Wohlstandsgesellschaft zurückwirkt. Beschreibt auch Churchill einen Krieg?

Dessen Titel lautet: "In weiter Ferne" - und doch ganz nah, so müsste man ihn ergänzen. Nehmen Sie einen ganz einfachen Vorgang: Bevor ich das Haus verlasse, stecke ich einen Revolver ein, zu meinem eigenen Schutz. Aber in dem Moment bin ich eine Gefahr für den Anderen. So funktioniert dieser Text, die Schraube wird weitergedreht - bis in die Paranoia. Die Fronten verlaufen dann im eigenen Kopf. Alles ist politisierbar. Sogar das Wetter.

In der Inszenierung stehen sie zu dritt auf der Bühne. Schauen die beiden jungen Kollegen zu Ihnen auf?

Aufschauen - nein, warum auch? Aber bei diesem Stück müssen wir drei uns in gleicher Weise gefährden.

Gefährden? Was heißt das?

Das hängt stark vom Regisseur ab. Klaus-Michael Grüber zum Beispiel sucht immer das Risiko und will einen Schauspieler sehen, der nicht durch Regiekonzept und Arrangement abgesichert ist, der sich mental ins Offene begibt.

Mit dem "Jagdgewehr" wurden Sie nach Zürich eingeladen. Stellt der Theater-Monolog eine neue Herausforderung für Sie dar?

Die Sparsamkeit und Kargheit der Inszenierung erfordert eine unglaubliche innere Konzentration. Es ist karg - aber es ist alles da. Der Regisseur Yoshi Oida sagt immer: Beeing no acting! Das ist das Schwerste!

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