Tino Hanekamps Poproman „So was von da“ : Vergiss deine Jugend

Hamburger Schule: Tino Hanekamps Pop- und Clubroman „So was von da“

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Wenn kein Geringerer als der Reeperbahnkönig Udo Lindenberg, einer also, der die besten Partys seines Lebens in Hamburg verbracht haben dürfte, ein ebendort angesiedeltes Nachtclubbuch mit den Worten „Das knallt gut los“ vom Cover weglobt, sollte einem das eine genuschelte Warnung sein. „Reeperbahn, ich komm an – Du geile Meile, auf die ich kann!“ Man beginnt also zu lesen, dann zu staunen, und muss Udo schließlich – St.-Pauli-Folklore hin oder her – doch recht geben. Das knallt tatsächlich gut los: Oskar Wrobel erwacht. Eine lange Nacht liegt hinter ihm, eine schöne Rothaarige neben ihm, eine bleierne Katerdecke auf ihm. Draußen schießt die Silvester-Vorhut scharf. Oskar, 23, ist am Ende, dabei ist das erst der Anfang. Schnitt.

Tino Hanekamp hat mit Mitte zwanzig einen der berüchtigsten Clubs in St. Pauli gegründet. Wie in seinem Romandebüt wurde die „Weltbühne“ nach sagenumwobenen, sensationell erfolgreichen Jahren von der Stadtverwaltung zugunsten einer Privatklinik abgerissen. Ein Stoff, aus dem die Mythen des Undergrounds gestrickt sind – und die Bücher, für jene, die nicht das Glück hatten, dabei gewesen zu sein. Weil jeder gute Mythos ein Emblem, ein Bild, eine Identifikationsfigur braucht, ist das sehr schöne, sehr stilechte Foto des 31 Jahre alten Autors Teil der Legende. Denn Hanekamp, mit vornehmer Blässe, John-Keats-haftem Romantikerblick, pomadisiertem Haar, ins Gesicht fallender Haarsträhne, Zigarette im Mundwinkel und Banane im Jackett, also dieser Tino Hanekamp sieht aus wie ein Beat-Autor oder ein Existenzialist oder eben ein Frühromantiker. Will sagen: Das Bild wirkt historisch, obwohl es eben erst gemacht wurde. Es weckt Sehnsucht nach einer Zeit, die uns rückblickend unfassbar freizügig und wild erscheint. Auch wir wollen wissen: Wie war das damals?

Oskar Wrobel erwacht in desolatem Zustand. Wir schreiben den 31. Dezember. Heute soll die letzte Party steigen, bevor die Abrissbirne den jungen Clubbetreibern buchstäblich die Brocken vor die Füße wirft. Vielleicht lässt sich mit den Einnahmen wenigstens ein Teil der Schulden zurückzahlen. Und dann knallt es zum zweiten Mal. Kiez-Kalle hat Wind von der Sache bekommen und will nun abkassieren. 10 000 Euro nach Ladenschluss, sonst knacken die Fingerchen. Aber das ist nicht Oskars einziges Problem. Die Trennung von Mathilda macht ihm zu schaffen, sein exzessiver Drogenkonsum samt Schlafentzug, aber auch einfache Aufgaben wie die Beschaffung von zwei Sack Eiswürfeln von der Kiez-Tanke.

Von all den kleinen und großen Nöten im Leben eines Clubbetreibers handelt dieses Romandebüt. Erzählt ist es im unterhaltsamen Reportagestil, auf den sich der Autor, der vor seiner Clubkarriere als Musikjournalist gearbeitet hat, fabelhaft versteht. „Ey Chiefchecker, alles cool going?“ Jargon ist die Formel zur Glückseligkeit, die Verheißung von Gemeinschaft, Nähe, Coolness. Das Interessante an „So was von da“ ist deshalb weder die Brillanz der Erzählung noch der Plot, sondern sein humanistischer Unterboden. Hanekamp beschreibt den heldenhaften Versuch, gegen jede Wahrscheinlichkeit eine von kapitalistischen Zwängen suspendierte Gegenwelt zu erschaffen. Er beschreibt das System „Party“ als Utopie von der ewigen Jugend, wie sie Pop seit jeher eingeschrieben ist: „Die Kinder wissen, wie man lebt. Und dann werden sie älter und vergessen alles.“ Die kindlichen Erwachsenen müssen tanzen, um zu vergessen, dass sie bald alles vergessen haben werden. Und wenn morgens um sechs die Kräfte nachlassen, wird der Partyfilm geguckt. „Der Partyfilm wird jede Nacht neu gedreht, und je nach Besetzung ist er großartig, ganz okay oder erbärmlich.“

Was Hanekamps Buch so lesenswert macht, ist diese romantische Abgeklärtheit. Er weiß nicht nur um die Vergänglichkeit der Dinge, sondern auch um ihre Künstlichkeit. Allein für das Schlussbild muss man ihn bewundern. Da ist die Herzensdame Mathilda endlich in den Schoß der Familie zurückgekehrt. Und was tut sie? „Sie sitzt auf dem Sofa und starrt an die Decke.“ Offenbar restlos glücklich. Dass Tino Hanekamp diesem Aperçu am Ende des Romans fünfzehn weiße Seiten folgen lässt, ist da eine spitzfindige Reaktion auf die nie zu kittende Divergenz zwischen Kunst und Leben, zwischen einem Film und den Dreharbeiten dazu, zwischen einer Party und dem Aufräumen hinterher. Grundsätzlich könnte man aber auch mit Udo Lindenberg sagen: „Reeperbahn – alte Braut, so’n Comeback hätt' ich Dir gar nicht zugetraut.“

Tino Hanekamp:

So was von da.

Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 288 Seiten, 14, 95 €.

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