Kultur : Tino Sehgal

Christiane Meixner

Alles Akademiker. Lauter Menschen, die sich viele Gedanken machen und es andere auch gern wissen lassen. Die sich eigentlich erst dadurch legitimieren, dass sie Worte wie Kontext, Moralität oder Diskurs bonbongleich im Mund hin und her bewegen, rundlutschen und dem Besucher am Ende vor die Füße spucken.

Sechs echte Akademiker bilden nun im Hamburger Bahnhof die Arbeit This Situation von Tino Sehgal: Langsam durchmessen sie den Raum. Setzen sich hin, stehen auf und verschränken die Arme in bewährter Dozentenpose. Etwas verzögert, als sei die Zeit falsch eingestellt. Und rückwärts, als liefe ein Film in die falsche Richtung. Bloß die Worte kommen in Normalgeschwindigkeit, bilden Sätze, reflektieren Themen, aus Wirtschaft und Philosophie. Stecken die Diskutanten dann im Dialog der Argumente fest, werden erst einmal die neuen Ausstellungsbesucher begrüßt, bevor es weitergeht: Welcome to this Situation.

Ein tableau vivant, denn Sehgal bezieht sich mit seiner Choreografie auf konkrete Gemälde, die allerdings nicht zu entschlüsseln sind, weil sich die Protagonisten bei aller Langsamkeit fortwährend bewegen. Und eine Performance: Das Arrangement wechselt alle Augenblicke, während die Sprache immer neue, unsichtbare Bezüge zwischen den Protagonisten herstellt. So wird aus der Aktion auch eine Skulptur für den Moment.

Kunst auf Zeit, von der nichts übrig bleibt als jener flüchtige Eindruck, den man sich vor Ort machen kann. Es gibt keine Filme oder Fotos, da bleibt der 1976 geborene Künstler, der selbst in Berlin Volkswirtschaft studiert hat, standhaft. Wer seine Arbeit besitzen möchte, der kauft eine Zusage für die Wiederholung einer jener diversen Aktionen, mit denen Sehgal in den letzten Jahren berühmt geworden ist: 2005 war er zusammen mit Thomas Scheibitz im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig vertreten und ließ die Wärter dort singen und tanzen.

Angesprochen wie in Sehgals frühen Arbeiten wird man in „This Situation“ nicht mehr. Ein Gruß, und der Besucher darf dabei zuhören, wie sich die Akteure mehr und mehr in ihren Gesprächen verstricken, die vermeintlich aus Reden und Zuhören bestehen, tatsächlich aber bloß selbstbezügliche Monologe sind. Das ist komisch, ironisch und – gemessen an der akademischen Wirklichkeit – ungemein wahr. Christiane Meixner

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