Tipps : KURZ & KRITISCH

Kunst, Rock, Kulturgeschichte

Jens Hinrichsen

KUNST

Delikate Vergleiche

Zum 70. Todestag von Ernst Ludwig Kirchner zeigt das Brücke-Museum farbige Druckgrafik des führenden „Brücke“- Kopfes: Es handelt sich bei den 130 Blättern tatsächlich vielfach um Schlüsselwerke, die mühelos neben den Gemälden Kirchners bestehen (Bussardsteig 9, bis 23. November, Mi.–Mo. 11–17 Uhr, Katalog im Hirmer Verlag, 24 €). Stilistisch hat Kirchner in über 30 Schaffensjahrzehnten ungeheuer viel bewegt. 1905, bei der jugendstilhaften Dresdner „Augustusbrücke mit Frauenkirche“ konzentriert er sich auf die mosaikfeine Holzschnittstruktur der Brückenbögen, setzt Himmelsblau und Grünstreifen kolorierend ein. Die 1908 und 1909 dominierenden Lithographien bringen unter Einfluss der Fauves eine deutlichere Verschmelzung von geschwungener Linie und milder Farbigkeit. Ab 1910 die Wende zum glühenden Farbakkord und zur Kirchner-typischen gezackt-ekstatischen Form.

Unter den Holzschnittillustrationen ragt Chamissos „Peter Schlemihl“ heraus, der seinen Schatten verkauft. Als Künstler in der Krise identifizierte sich Kirchner mit der Figur. Zwei abweichende Versionen des Zyklus’ sind zu sehen, wie überhaupt die Vergleiche zwischen Originalabzügen verschiedener Museums- und Privatsammlungen das Faszinosum dieser Schau ausmachen. New Yorks MoMA und das Kunsthaus Zürich steuern je eine Holzschnittversion der 1922er-„Straßenszene“ bei. Doppeltes Trostpflaster für das motivgebende Gemälde von 1913, das entgegen irreführender Meldungen 2008 nicht leihweise ins Brücke-Museum zurückkehrt. Jens Hinrichsen

ROCK

Forever young

Nach einer Dreiviertelstunde kommt der Song, mit dem The Charlatans ihr kleines Kapitel Popgeschichte geschrieben haben: „The Only One I Know“, ein von einer furiosen Sixties-Hammondorgel, abgehackten Gitarrenriffs und nervösem Hi-Hat-Gezischel befeuerter Hit, der 1990 zum Sound-Markenzeichen des Raverock-Phänomens wurde. Wären die Charlatans eine junge Britpop-Band, würde ihr Konzert jetzt in die Zielgerade einbiegen. Das Quintett aus der Nähe von Manchester aber hat ein zehn Alben umfassendes Repertoire im Gepäck, weshalb die Sause im gut gefüllten Postbahnhof noch eine Stunde weiter geht. Die Begeisterung der Fans wirkt wie ein Aufputschmittel auf Sänger Tim Burgess, der immer noch diesen charakteristischen, von der kollektiven Euphorie berauscht wirkenden Bühnenzustand der großen Rave-Performer kultiviert.

Mit seiner Pilzkopf-Frisur und den großen Kulleraugen erinnert er an den jungen Ringo Starr, nur dass er im Herbst 40 wird und der adoleszente Habitus wie bei seinen Kollegen etwas latent Verzweifeltes an sich hat. Allerdings sollten die Charlatans gegen jede Midlife Crisis gefeit sein, solange sie dieses musikalische Niveau halten. Der präzise, hochenergetische Gruppensound, aus dem Tony Rogers’ farbenreiches Georgel und John Brookes‘ filigranes Schlagzeugspiel herausragen, begeistert ebenso wie die Qualität der Songs: Kaum ein Stück, das nicht als Ohrwurm taugt. Mit dem brausenden, zerfurchten Psychedelic-Rave von „Sproston Green“ beschließen die Charlatans eine Zeitreise zur vorletzten Jahrzehntwende. War schön, nochmal dabei zu sein. Jörg Wunder

KULTURGESCHICHTE

Das Gute liegt so fern

Wer an Brandenburg als Kunstland denkt, hat Potsdam und Rheinsberg im Kopf, friderizianisches Rokoko und preußischen Klassizismus. Dass die Mark auch im späten Mittelalter eine ernstzunehmende Kunstlandschaft gewesen ist, dokumentiert nun der von Ernst Badstübner, Peter Knüvener, Adam S. Labuda und Dirk Schumann herausgegebene Band Die Kunst des Mittelalters in der Mark Brandenburg (Lukas Verlag, Berlin 2008, 516 S., 60 €). Der nicht nur vom Umfang gewichtige Band vereinigt die Beiträge einer Tagung des Kunstgeschichtlichen Seminars der Humboldt-Universität und der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Die meisten Aufsätze stammen von jüngeren Kunsthistorikern, Bauforschern und Restauratoren. Jahrzehntelang wurden Forschungen zur mittelalterlichen Kunst Brandenburgs vernachlässigt oder konnten nicht publiziert werden. Nun ist es Zeit für eine Revision. Und die räumt mit dem Vorurteil auf, dass Brandenburg, dieser landesgeschichtlich-territoriale Flickenteppich, keine eigene Kunst hervorgebracht hätte. Gleichwohl erinnert der Band minutiös an künstlerische Vorbilder, von Magdeburg und den niedersächsischen Bistümern im Westen bis hin zum Königreich Böhmen, dessen Einfluss weit über die Lausitz hinaus reichte. Ins rechte Licht gesetzt werden nicht nur überregional einst bedeutende Orte wie Brandenburg, Havelberg oder Frankfurt/Oder und ihre zumeist sakralen Schätze, sondern etliche kleinere Stadtpfarr- und Dorfkirchen. Auch sie sind oft eine Reise wert. Michael Zajonz

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