Kultur : Tipps: Russisch genesen

Katja Hübner

Grippezeit. In einem Bruchteil von Sekunden, genauer einem Bruchteil von einem Bruchteil davon, kann es passieren. Ein Niesen vom Gegenüber genügt. Erst überläuft einen ein Frostschauer, dann noch einer und noch einer, dann kommen Fieber, Schnupfen und Husten, Sie kennen das.

Nun gibt es ja mehrere Möglichkeiten, etwas dagegen zu unternehmen. Ein Kamille-Dampfbad zum Beispiel, ein warmes Bier oder Milch mit Honig, eine heiße Zitrone, Hühnersuppe oder Aspirin. In manchen Ländern jedoch schwört man auf andere Heilmittel. So musste ich einmal bei meinen Freunden in Moskau mehr als 100 Gramm Wodka trinken und mehr als zehn Salzgurken essen. Das sollte ihrer Meinung nach helfen. Zwischenzeitlich konnte ich durchaus feststellen, dass es mir besser ging. Ich sang vor mich hin vor Fröhlichkeit, war überaus redselig und genoss jedes Essen und Trinken, das man mir anbot. Kein Wunder, schrieb doch auch Viktor Jerofejev in seinem Erfolgs- und Säuferroman "Die Reise von Moskau nach Petuschki": "Wenn ich getrunken habe, bin ich lustig wie ein Teufel, aktiv, ungestüm und rastlos." Genauso fühlte ich mich.

Doch am Tag danach kam, wie bei Jerofejev, so auch in meinem Fall, die Ernüchterung. Ich lag, hitzig und fröstelnd zugleich, im Bett, mir ging es elender als je zuvor. Nichtsdestotrotz empfehle ich diese Methode jetzt anderen Kranken weiter. Erstens, weil mein Bekannter Igor sehr überzeugend darlegen kann, dass ich eine Ausnahme bin und dass ihm die Wodka- und Salzgurkentherapie immer hilft. Der zweite - und viel wichtigere - Grund aber ist, dass man auf der Suche nach den nötigen Zutaten für die Moskauer Grippe-Therapie einem der zahlreichen russischen Läden einen Besuch abstatten darf, die es in Berlin gibt.

Hier gibt es alles, was man dafür benötigt: besten russischen Wodka wie Moskovskaja, Stolichnaja oder Moskovskij Kristall (deutschen darf man niemals trinken!), und natürlich die überaus schmackhaften russischen Salzgurken. Wahlweise kann man als Ersatz, falls die Salzgurken mal gerade nicht auf Lager sind, auch marinierte Pilze oder eingelegten Knoblauch nehmen. Und natürlich sind im Magazin "Tanja" neben Kaviar, Kascha, Pelmeni, Borschtsch, Piroggen und Moskauer Eis auch berühmte russische Souvenirs wie Holzmalerei und blau-weiße Schelkeramik zu finden. Am besten verkauft sich aber wohl, vom Wodka mal abgesehen, das legendäre Mischka-Konfekt. Ein Schoko-Keks-Gebäck, das seinen Namen dem Gemälde eines Landschaftsmalers des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu verdanken hat. Denn das Motiv dieses Bildes stellt kleine Bären (Mischkas) dar, und wird als Einwickelpapier für die typisch russische Praline verwendet. Und so wandeln sich die Zeiten: Zuerst wird dem Kranken, wenn er noch klein ist, ein Mischka-Konfekt gereicht und wenn er älter ist, ein Wodka.

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