Kultur : Tisch, Bett, Aschenbecher

Kunst und Prostitution: eine Berliner Ausstellung

Julius Hess

Das großformatige Foto zeigt ein karges Zimmer, darin ein Tischchen mit Aschenbecher und Klopapierrolle, ein Mülleimer und ein Bett ohne Decke. Was hier ausgespart wird, hat viele Namen: Sünde zum Beispiel, oder männliche Gewalt, Arbeit oder Ficken. Die an mehreren Orten in Berlin gezeigte Ausstellung „Sexwork – Kunst, Mythos, Realität“ versucht, Prostitution künstlerisch zu erfassen, in allen ihren Facetten. 36 internationale Künstler werden präsentiert, das Programm ist riesig. Dank der Vielfalt an Ansätzen und künstlerischen Mitteln gelingt es jedoch, festgefügte Bilder von der Prostitution von allen Seiten zu durchlöchern.

Ein roter Faden ist in der Menge jedoch schwer auszumachen. Die Werke sind roh und intellektuell, deskriptiv und wertend, die Ausstellung ist sowohl Baustelle als auch Komposition. Die Künstler zitieren Werbung von Menschenhändlern: Hier finden sich ausgesuchte, blutjunge Mädchen. Sie zeigen Lebensentwürfe: In Tibet kauft man sich nach drei Jahren Sexarbeit ein Häuschen. Sie bilanzieren Wirtschaftsdaten: 400 000 Prostituierte in Deutschland, Jahresumsatz: 14,5 Milliarden Euro, etwa so viel wie in der Holzwirtschaft. Die Ausstellung findet an drei Orten in Schöneberg und Kreuzberg statt. Um alle Videos zu sehen, Installationen und Fotos mit mehr als nur einem flüchtigen Blick zu würdigen, bräuchte man Tage. Ein gelungener Kraftakt, mit dem Prostitution in ihrer Gesamtheit hier auf eine künstlerische Bühne gehievt wird. In den Fragmenten wird das soziale Phänomen der Sexarbeit sichtbar.

Bis 25. Februar, täglich 12 – 18.30 Uhr, NGBK (Oranienstr. 25), Haus am Kleistpark (Grunewaldstr. 6 -7), Künstlerhaus Bethanien (Mariannenplatz 2)

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