Kultur : Tisch und Bett

Eine Frage der Ehre: Rossinis „Otello“ in Weimar

Jörg Königsdorf

Wahrscheinlich hätte Gioachino Rossini seinen „Otello“ besser nicht komponiert. Denn immer, wenn der Italiener als musikalisches Leichtgewicht abqualifiziert wird, muss seine Vertonung des Mohrendramas herhalten. Das berühmte Taschentuch einfach in einen abgefangenen Liebesbrief zu verwandeln, sich zur Illustration von Otellos Eifersucht einfach eine kräuselige Melodielinie aus seinem „Barbier“ zu borgen und dann auch noch ein lieto fine als Alternativ-Finale für nervenschwache Gemüter anzubieten – sind das nicht alles Beweise, dass Rossini offenbar nicht in der Lage war, die Größe Shakespeares zu erkennen und angemessen umzusetzen?

Die üble Nachrede hat sicher dazu beigetragen, dass dieser „Otello“ auch nach Einsetzen der Rossini-Renaissance in den Sechzigerjahren eine Rarität geblieben ist: Belcanto-Festivals, bei denen das Stück gelegentlich auftauchte, beschränkten sich auf die rein vokale Ehrenrettung. Das deutsche Nationaltheater Weimar hat da umfassenderen Ehrgeiz: Der junge Regisseur Karsten Wiegand, der dem Haus im Goethejahr 2002 bereits (zusammen mit Julia von Sell) eine weithin beachtete Inszenierung von „Faust I“ bescherte, macht Ernst mit Rossini und zeigt, dass der vermeintliche Koloraturschinken in Wirklichkeit eine packende Tragödie ist – nur eben nicht mit den Mitteln Verdis erzählt, sondern in der Sprache der Avantgarde von 1816.

Ein Drama, in dem die Rollen allerdings etwas anders verteilt sind. Während der Schurke Jago seine Strippen aus dem Hintergrund zieht, wird der Edelmann Rodrigo zum Nebenbuhler Otellos: Und er ist gar nicht mal unsympathisch, wenn er mit seinen Koloraturen fragile Luftschlösser baut. Als Mann und Stimme ist dieser Schwiegersohn-Typ der Gegenentwurf zum Aufsteiger Otello, der schon mit seiner aus finster-baritonalem Fundament emporschießenden Auftrittsarie markiert, wo er herkommt - von ganz unten nämlich. Wiegand entwickelt diesen Gegensatz schlüssig bis in Details hinein: Während der schwarz bemalte Otello stets seine Offiziersuniform trägt, weil nur seine Funktion ihm einen Platz in dieser Gesellschaft gibt, taucht Rodrigo im weißen Frack zur geplanten Hochzeit mit Desdemona auf – einer, der nicht zeigen muss, was er darstellt.

Immer wieder verblüfft, wie souverän Wiegand, der bisher erst zwei Opern inszeniert hat, selbst die heikelsten Stellen des Stücks mit Sinn füllt: Der drehbare Raum, den ihm seine Bühnenbildnerin Bärbl Hohmann gebaut hat, ist mal Festsaal, mutiert dann ruckzuck zum kalten Hinterhof. Selbst das Bett, in dem die erwürgte Desdemona liegt, wird schließlich durch einen Theatertrick zur Festtafel, an der gierig gaffend Chor und Honoratioren sitzen: Ecco la vittima!

Und wie es bei gutem Theater sein muss, schärft die Verlagerung in die Gegenwart nur das Profil der Figuren: Gerade Desdemona (eindringlich: Ulrika Strömstedt) wird hier zur überraschend starken Frau, deren vokale Selbstbehauptungen im Finalduett nicht bloßes virtuoses Rankenwerk sind, sondern eine Portion trotziger Streitlust verraten.

All diese Mühen wären natürlich vertan, wenn sie nicht auch musikalisch eingelöst würden. Doch auch hier gelingt Erstaunliches: Dass ein mittelgroßes Stadttheater Rossinis horrend schwere Partien besetzen kann, grenzt nachgerade an ein Wunder: Der junge Este Juhan Tralla gibt seinem Otello eine ungeschlachte Attitüde, die stimmig gegen den feinen Mozarttenor von Uwe Stickerts Rodrigo absticht. Es geht also auch ohne Stars.

Regisseure für das Belcanto-Fach seien Mangelware, heißt es immer wieder – und selbst die Deutsche Oper übernimmt für diese Stücke inzwischen lieber abgestandene Inszenierungen aus Leipzig und Wien. Vielleicht sollte Kirsten Harms mal nach Weimar fahren.

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