Kultur : Titanen unter sich

Harnoncourt und Philharmoniker feiern die „Missa Solemnis“

Frederik Hanssen

Ein alter Mann, allein mit den Stimmen in seinem Kopf. Als Ludwig van Beethoven sich 1819 an die „Missa Solemnis“ machte, hatte er sein Gehör bereits vollständig verloren – und war doch akustisch feinnerviger denn je. „Wenn ein tauber Mensch so schreibt, ist er nicht taub“, erklärt Nikolaus Harnoncourt das Paradox. Die Abschottung vom Lärm der Welt machte ihn frei für die neuen Töne, die ihm im Hirn herumgingen. Als Meister kunstvoller klangarchitektonischer Gebäude folgte er ohne Rücksicht auf die Hörgewohnheiten des „gesunden“ Publikums nur noch dem, was in seinem inneren Ohr erklang. Das imaginär-visionäre Klangbild seiner letzten Werke, der „Missa Solemnis“, der neunten Sinfonie und der späten Streichquartette, hat Beethoven „so gut gehört, wie man es nur hören kann“, schwärmt Harnoncourt.

Kein Wunder, dass dem Dirigenten bei der Aufführung der großen Messe mit den Berliner Philharmonikern und dem von Sigurd Brauns bestens präparierten Ernst Senff Chor vor allem jene introvertierten Passagen gelingen, in denen Beethoven ernst und still mit seinem Gott kommuniziert, „störrisch und fromm zugleich“, wie Hugo von Hofmannsthal ihn charakterisiert hat. Im „Sanctus“, wo Harnoncourt mit den Philharmonikern im orchestralen Praeludium Elemente barocker Tonrhetorik betont, im feinen Geflecht der Instrumental- und Vokalstimmen des „Incarnatus“, in den Schmerz-Dissonanzen des „Benedictus“ scheint in der Philharmonie Beethovens unverwüstlicher Glaube an die Utopie des Humanismus stärker und intensiver auf als in den schmetternden Affirmationen von „Gloria“ und „Credo“. Dort bleibt der Klangeindruck trotz des von Harnoncourt geforderten wilden Pulsschlags mitunter mulmig. Die zwischen Chor und Orchester platzierten Solisten – vierfach beeindruckend: Christine Schäfer, Bernarda Fink, Piotr Beczala und Gerald Finley – werden akustisch überspült, Mittelstimmen im Orchestersatz gehen unter, den Ton der Choristen kann man sich in den rasanten polyphonen Passagen noch präziser fokussiert vorstellen. Details, die beruhigen: Auch Titanen sind nur Menschen.

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