Kultur : Titanisch teutonisch

Gespenster seiner Generation: dem Filmregisseur Hans Jürgen Syberberg zum 70. Geburtstag

Peter W. Jansen

Verehrung und Verachtung, Anerkennung und Anwürfe: Alles hat er erfahren, genossen, erlitten. Hans Jürgen Syberberg, Gutsbesitzersohn aus Vorpommern, Doktor der Philosophie, Filmregisseur, Essayist. Unter den deutschen Filmemachern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist er der einsamste und unbekannteste, zuweilen behandelt wie ein Aussätziger, Geschwür im Fleisch seiner Generation. Und zu alledem hat er selbst mit Fleiß beigetragen, Außenseiter der Nation, die er für verloren erachtet, reaktionär bis auf die Knochen, polemisch, streitbar und streitsüchtig bis zu unqualifizierten rassistischen Unterstellungen und selbstgerecht in seiner oft unerträglichen präzeptoralen Attitüde. So einen wie ihn kann es nur einmal geben.

Autodidakt mit der Kamera, hat er von früh an unzählbar viele kleine und winzige Dokumentationen zuerst nur für sich selbst, dann für das Bayerische Fernsehen gemacht, die er viele Jahre später zu einem Kompilationsfilm zusammenfügte („Nach meinem letzten Umzug“). Von unschätzbarem Wert sind seine Beobachtungen bei Inszenierungen des Berliner Ensembles, noch unter Brecht, und Fritz Kortner („Fritz Kortner probt Kabale und Liebe“; „Fünfter Akt, siebente Szene“) sowie das erste ernst zu nehmende Porträt Romy Schneiders, „Anatomie eines Gesichts“: der Titel sagt alles. Öffentliches Aufsehen erregt er jedoch erst mit seiner Dokumentation „Sex-Business, made in Pasing“ über den Pornofilm-Produzenten Alois Brummer.

Erste Spielfilme bleiben fast apokryph, wie „Scarabea – Wieviel Erde braucht der Mensch“ und „Theodor Hierneis oder Wie man ehemaliger Hofkoch wird“, und doch zeigt sich in beiden die ganze Spannbreite der Syberbergschen Ideen- und Filmarbeit, vom Dokumentarischen oder (Hierneis ist Walter Sedlmayr) PseudoDokumentarischen bis zur mit mythischen Allegorien, Visionen und Metaphern überladenen Parabel. Hier wie dort, in der mise-enscène des Dekors und im Überborden philosophisch-psychologischen Materials, kündigt sich Syberbergs Hauptwerk an, die später so genannte „deutsche Trilogie“.

„Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König“, „Karl May“ und der vierteilige „Hitler – Ein Film aus Deutschland“ sind von Richard Wagner ebenso beatmet wie von deutschem Seelenmuff, bombastisch aufgesteilt und mit unerbittlicher Intelligenz kalkuliert, rauschhaft und mythengeil, pathetisch und ironisch gebrochen, voller Kitsch und Mystifizierung. Die Montage-Ideologie aus Irrationalem und strenger Rationalität lässt die Väter des Surrealismus ahnen. Wobei Syberberg aus geringsten Budgets den Reichtum der Fantasie sintert: seine Bilder, Figuren, Dekorationen, Schrifttafeln sind vor der Kamera montiert und nicht erst Ergebnisse des Schnitts.

Vor allem in Frankreich und Amerika (Susan Sontag schrieb eine Eloge) hoch geschätzt als der Deutsche (andere würden sagen: Teutone) schlechthin, ist Syberberg hierzulande praktisch nicht vorhanden, seine Verwandtschaft mit anderen europäischen Filmemachern, dem (linksrationalen) Alexander Kluge und dem (feuilletonistisch-spielerischen) Jean-Luc Godard, noch zu untersuchen. Mit Beginn der 90er Jahre hat er sich vom Filmemachen zurückgezogen. Nach Nossendorf, wo er geboren ist, und das er im Internet wieder auferstehen lässt. Das Kino, meint er, sei tot. Meint er, weil es für ihn tot ist.

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