Kultur : Tito ist tot

Was machen die Slowenen als EU-Bürger? Das, was sie vorher gemacht haben – sie verlieben sich / Von Uroš Zupan

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Die blaue Flagge mit den zwölf goldenen Sternen erscheint immer öfter als Kulisse hinter dem Kopf des Sprechers der Hauptabendnachrichten. Die darauf folgenden Schlagzeilen lauten ungefähr so: „Werden die Lehrergehälter in Slowenien durch den EUBeitritt mit den Lehrergehältern in Luxemburg gleichziehen? Wurde die slowenische Molkereigesetzgebung den EU-Standards angepasst? Ist die Angst berechtigt, dass Ausländer den Großteil der attraktiveren Immobilien aufkaufen?“

Gespräche finden natürlich auch bei informellen Zusammenkünften statt. Meine Mutter sagte letzthin beim Mittagessen, sie habe von einer Freundin gehört, es sei schwer, das Kontingent junger Beamter, die gut bezahlte Jobs in Brüssel bekommen sollen, zusammenzubringen. Wir Slowenen bleiben gerne zu Hause. Und das belgische Wetter kann einen schnell depressiv machen. Zwischen Sonne und Armut auf der einen und Geld und Regen wird sich jeder vernünftige Mensch, wenn er ein Südländer ist, für die erste Möglichkeit entscheiden. Aber wer weiß, vielleicht ist das nur ein weiteres Ammenmärchen.

Und was habe ich über das Fieber, das weit stärker in den Medien als unter den Slowenen selbst wütet, zu sagen? Was habe ich eigentlich über den 1. Mai 2004 zu sagen? Eher wenig, wenn ich nicht vorher zwei historische Daten von historischer Tragweite in den Blick nehme: den 25. Juni 1991, den Tag, an dem Slowenien seine Unabhängigkeit erklärte; und den 4. Mai 1980, den Tag, an dem Marschall Tito offiziell für tot erklärt wurde.

Beinahe 28 Jahre habe ich in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien gelebt. Das waren für mich und meine Generation prägende Jahre. Besondere Repressionen, die mit den Repressionen in den Staaten des Ostblocks zu vergleichen wären, haben wir nicht erfahren. Präsident Tito, dessen Mischung aus Charisma und Bauernschläue uns „als Masse hypnotisierte“, war eine mythische Figur, fast nicht von dieser Welt. Doch das nahmen wir in Kauf. Nach seinem Tod begann sich Unangenehmes abzuspielen: eine Kaution, die man vor jedem Grenzübertritt hinterlegen musste, eine Benzinkontingentierung, eine Stabilisierungspolitik durch Einschränkung des Konsums...

Keine dieser Maßnahmen brachte irgendeinen Nutzen, und doch schienen sie uns selbstverständlich, denn wir dachten, unsere Variante des sozialistischen Paradieses habe kein Ablaufdatum. Es geschah noch wesentlich Unangenehmeres, und wir bemerkten zu spät, dass in unserem ehemaligen Staat, ähnlich wie einem Gedicht von Adam Zagajewski, die Affen die Macht ergriffen hatten. Warum ist uns das entgangen? Weil wir Besseres zu tun hatten: studieren, lesen, reisen und vor allem – sich verlieben.

Als Ende der Achtziger und Anfang der Neunzigerjahre der Prozess der Staatwerdung Sloweniens begann, konnte sich niemand recht vorstellen, wie und wann das über die Bühne gehen sollte. Am 25. Juni 1991 versammelten sich Menschenmassen anlässlich der feierlichen Erklärung der Unabhängigkeit Sloweniens. Es war ein lauer Abend. Über den Köpfen der Menge patrouillierten die MiGs der Bundesarmee. Die letzten, schon fast waagrechten Sonnenstrahlen wurden von den silbernen Flugkörpern abgefangen. Es folgte ein Feuerwerk. Unter der Menge breitete sich Euphorie, selige Trunkenheit aus. Ein unverfälschtes Gefangensein im Augenblick, beinahe schon Zen. Die Flugzeuge, die den Hauptschauplatz der Feierlichkeiten überflogen, wurden vom Publikum als Teil des Festakts aufgefasst. Am nächsten Morgen brach der Krieg aus.

Immer, wenn ich versuche, etwas über den Unabhängigkeitskrieg zu schreiben, werde ich verlegen. Vor meine Augen treten Szenen aus Vukovar, Sarajevo und Srebrenica. Verglichen damit war unsere Variante des Krieges nichts weiter als ein Operettenvorspiel. Trotzdem waren Opfer zu beklagen, trotzdem haben wir gezittert, und niemand wagte, sich den Ausgang all dessen auszumalen. Mir prägte sich im Zusammenhang mit dem Krieg die Angst vor einem gewaltsamen Tod am tiefsten ein; eine Angst, die mit keiner anderen Unterart der Angst zu vergleichen ist. Die Untergangsdrohung schien manchmal auch süß, denn sie löste alle Probleme, und das Schicksal des Einzelnen verlor seine Bedeutung, wir wurden alle gleich. Nach zehn Tagen war alles vorbei.

Es folgten 13 Jahre, in denen wir wieder reisten, lasen, studierten, uns verliebten, heirateten, Kinder in die Welt setzten und zu arbeiten begannen. Das Volk wurde zur Nation. Und selbst ein Analphabet in Sachen Politik konnte sehen, dass die Demokratie ihre Kinderkrankheiten überwinden musste, dass vulgäre Formen des liberalen Kapitalismus allgegenwärtig waren, dass sich die soziale Schere immer weiter öffnete und dass die Politiker so waren, wie man es von ihnen erwartete: zum größten Teil farblos, dumm und gierig. Doch wir brauchten nur einen Blick auf die anderen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien zu werfen, um zu sehen, dass wir in einem vergleichsweise normalen Staat lebten.

Was sich durch den EU-Beitritt Sloweniens verändern wird, kann niemand vorhersagen. Ich persönlich glaube, Slowenien müsste der EU mit dem Gefühl beitreten, in einen Raum, zu dem wir immer schon gehört haben, einzutreten. Ernst und selbstbewusst, nicht wie Kinder, die sich wundern und angesichts des Glanzes und des Reichtums der Großen und Mächtigen außer sich sind. Ich würde gerne glauben, dass durch den Beitritt der neuen Mitglieder auf der Makroebene etwas Ähnliches geschieht wie auf der Mikroebene in der Beziehung von Provinz und Hauptstadt. Die kreativsten Köpfe kommen aus der Provinz. Vielleicht auch aus den neuen Mitgliedsstaaten. Vielleicht sind es Kavafis’ Barbaren, eine neue Hoffnung, die durch ihre Unschuld Europa neues Leben einhaucht. Aber eine Voraussage will ich dennoch wagen. Mit Sicherheit werden die Alten, Mächtigen und Reichen die „Neuen“, die armen Verwandten vom Lande misstrauisch mustern. Und mit Sicherheit werden sich die armen Verwandten in Amerika am leichtesten als Europäer fühlen, falls sie es je erreichen, und falls die Amerikaner noch wissen werden, was das ist: Europa.

Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner

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