Tizian : Schillernde Schönheit in Dresden

Die Dresdner Gemäldegalerie lässt Tizians berühmte "Dame in Weiß" neu erstrahlen – und versucht, ihr Geheimnis zu ergründen.

Martina Jammers

Der Fähnchenfächer, mit dem die junge Venezianerin in Tizians Gemälde „Dame in Weiß“ so elegant wedelt, suggeriert an heißen Sommertagen ein Quentchen Kühle. Schon in der Antike war dieser Fächer-Typus im Mittelmeerraum verbreitet, in der Renaissance avancierte er zum modischen Accessoire. In Dresden, wo rund um das frisch restaurierte Bild nun eine Ausstellung über die Porträtkultur des Veneto zu sehen ist, hat man zusätzlich eine besondere Belüftungsanlage entworfen. An einem schlanken Schaft aus Elfenbein sitzt in einer Nut das aus feinem Stroh geflochtene Fächerblatt mit einem raffinierten Linien-, Stern- und Rautenmuster, eingefasst von geklöppelter Spitze. So schön kam eine Klimaanlage selten daher.

Wie variantenreich Tizian die Nichtfarbe „Weiß“ in seinem berühmten Damenporträt ausreizt, lässt sich tatsächlich erst nach einer umfassenden Restaurierung des Gemäldes erschließen, das 1746 unter König August III. nach Dresden gelangte und heute die Gemäldegalerie im Semperbau schmückt. Mit zunehmender Alterung der Firnisschichten war vom Strahlen der holden Schönen nicht mehr viel zu erahnen. Verbräunte Harzüberzüge, eingelagerte Verschmutzungen und die – verdüsternde – Übermalung des Hintergrundes im 19. Jahrhundert straften den Bildtitel Lügen. „Der vom Maler gebaute Bildraum, das Spiel von Licht und Schatten waren damit verloren gegangen“, resümiert der Dresdner Restaurator Günter Ohloff. Anschaulich dokumentiert die Ausstellung, wie dank seines Sinns für malerische Nuancen die Fehlstellen im Gemälde geschlossen wurden, so dass der Betrachter die herausragende Qualität des Werks endlich wieder unverstellt erleben kann.

Lange Zeit wurde spekuliert, wer sich in diesem Porträt voller Liebreiz gespiegelt sah. Tizians briefliche Formulierungen wie „absolute Herrscherin meiner Seele“ oder „teuerstes Wesen auf der Welt“ mussten Mutmaßungen über die Identität der Dargestellten provozieren. So wurde sie im Inventar des Jahres 1628/29 als „Geliebte Tizians“ aufgeführt, später vermutete man seine „Tochter Lavinia als Neuvermählte“ darin. Den Berlinern ist die Tochter des Malers vertraut durch das liebreizende Bildnis „Lavinia mit Fruchtkorb“ in der Gemäldegalerie. Doch ein verbürgtes Lavinia-Porträt in Dresden zeigt sie entschieden korpulenter, als veritable donna robusta.

Für Bernhard Maaz, den aus Berlin gewechselten Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, hat Tizian überhaupt kein Porträt im strengen Sinne geschaffen. Vielmehr gehört die anmutige Dame zum Typus der belle donne, das Ideal der bellezza schlechthin. Nur Venedig hat diese Bildform im 16. Jahrhundert derart kultiviert. Auffallend, dass die männlichen Porträts meist markante Physiognomien aufweisen – etwa Bassanos „Bildnis des Dogen Marino Grimani“, während die weiblichen Pendants zur idealen Überhöhung tendieren. Eine Ausnahme bildet Giovanni Moronis „Dame in rotem Kleid“, die überaus charaktervoll den Betrachter fixiert. Seinerzeit war Moroni unbestrittener Porträt-König: Tizian schätzte das Können des Kollegen, Menschen ‚al vero' zu malen, höher ein als sein eigenes.

Da Tizian geradezu demonstrativ in der „Dame in Weiß“ seine malerischen Talente vorführt, umkreist die Dresdner Schau auch die Frage, welche Rolle die Farbe Weiß in der Mode der Zeit spielte. Keineswegs war sie den Bräuten vorbehalten. Weiß, Inbegriff des göttlichen Lichts und Summe aller Farben, stand in der christlichen Tradition für die unendliche Liebe Gottes, für Vollkommenheit und Erleuchtung und aus der Marienverehrung heraus für Reinheit und Unschuld. Der Adel transponiert die Farbe ins Säkulare: Schneeweiße Laken und Kissen, Tafeltücher, Kragen und Manschetten stellen eine verfeinerte Kultur heraus, mit der sich die Fürsten über andere soziale Schichten erheben.

Das weiße Kostüm, in dem Kleid, kostbare Perlen und Fächer miteinander harmonieren, unterstreicht in Tizians Porträt die Noblesse der jungen Frau. Cesare Vecellio, Cousin Tizians und Verfasser eines einschlägigen Kostümbuches, belegt die weiße Robe jenseits des Brauthabits auch für bestimmte Festereignisse, etwa den Empfang des Dogen Lorenzo Priuli, dem 230 ausgewählte Damen des Adels in weißen Kleidern und Perlen der Dogaressa die Aufwartung machten. Dass die „Dame in Weiß“ eine Braut verkörpert, ist zwar denkbar, doch war das entscheidende Merkmal dafür vielmehr das offene Haar, welches eine Braut zur Zeit Tizians ein Jahr zu tragen pflegte.

Der Fähnchenfächer lässt sich ebenfalls nicht, wie lange vermutet, als Indiz für den Brautstand reklamieren, war er doch auch auf mythologischen Gemälden zu sehen. Überdies war der Fächer keineswegs den Damen vorbehalten: Mönche nördlich der Alpen verwendeten geflochtene Exemplare als „Fliegenwedel“.

Unbegründet erscheint schließlich auch die Vermutung, dass es sich bei Tizians Porträtierter um eine Kurtisane handeln könnte: Ihnen war nämlich im venezianischen Cinquecento das Tragen von Perlen in der Öffentlichkeit strikt untersagt. Zudem weist die „Dame in Weiß“ sich in Ausstattung wie Haltung als noble Gebieterin aus. Tizian, der Schöpfer zahlloser anmutiger Frauengestalten, hat ihr Jugend, Schönheit und Tugend verliehen.

Dresdner Gemäldegalerie Semperbau, bis 15. August. Katalog (Sandstein) 18,90 €.

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